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studio

die entdeckung

Werner Pfister

Matthias Kirschnereit ist keiner, der sich nur mit Gängigem abgibt. Seine Interpretationen haben stets eine Art von liebenswertem subjektivem «surplus», ohne aber damit auf vordergründige Oberflächenaufmerksamkeit zu zielen. Im Gegenteil, Kirschnereit – das ist sozusagen ein Garant für Durchdachtes. Auch Tieflotendes. Seine neue Schumann-CD zeigt es: Er koppelt das Klavierkonzert mit den beiden sonst eher vernachlässigten Konzertstücken, wobei man sich, hört man sie in Kirschnereits beredter Interpretation, unmittelbar fragt: Warum werden die immer noch vernachlässigt? Aber damit ist noch nicht genug: Er überrascht mit einer regelrechten Schumann-Trouvaille: mit dem Konzertstück für vier Hörner op. 86 in einer Klavierfassung, die möglicherweise sogar von Schumann selbst stammt. Die Originalversion hört man selten im Konzert, weil die vier Hornisten aufs Letzte gefordert werden (und oft ein fünfter beigezogen werden muss). Das Stück macht sich auch im Klaviergewand sehr gut, und man dankt Kirschnereit einmal mehr für seine Entdeckerlust. Der Rest der CD, das Klavierkonzert und die beiden Konzertstücke, sind bei ihm ebenfalls gut aufgehoben – wäre da nicht die Einspielung von Jan Lisiecki, der mit Antonio Pappano einen «romantischeren» Dirigenten (und hörbar auch das bessere Orchester) hat. Beim Konzerthausorchester Berlin unter Jan Willem de Vriend klingt das alles ein bisschen eindimensionaler, obwohl süperbe Holzbläsersoli immer wieder für sich einnehmen. Unbedingt hörenswert.

 

Schumann: Klavierkonzert, Konzertstücke
op. 86, op. 92 und op. 134. Matthias
Kirschnereit (Klavier), Konzerthausorchester
Berlin, Jan Willem de Vriend.
Berlin Classics 0301076B

Ausgabe: 05 - 2019