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studio

die entdeckung

Walter Labhart

Er wusste selber am besten, was der Verbreitung seiner Lieder im Wege stand: Edvard Grieg litt darunter, dass er in seinen Anstrengungen, «gute Übersetzungen zu erhalten, oft grosses Pech» hatte und Norwegisch nicht zu den Kultursprachen zählt. Seine vielen Vertonungen skandinavischer Lyrik lassen sich aber durchaus mit den besten Klavierliedern der deutschen Romantik vergleichen. Von der lyrischen Sopranistin Siri Karoline Thornhill in der Originalsprache gesungen und von der Pianistin Reinild Mees bis ins kleinste Detail aufmerksam begleitet, stellen Griegs Lieder verschwenderischen Reichtum an sehr unterschiedlichen Stimmungen und Empfindungen dar. Im Zentrum seines vokalen Schaffens steht der achtteilige Zyklus «Das Kind der Berge» nach der Erzählung «Haugtussa« von Arne Garborg. Zur Naturlyrik, etwa in den balladenhaft ausgeweiteten Liedern «In den Heidelbeeren» oder «Am Bergbach», entwickelt die in Norwegen geborene Sängerin eine besonders enge Beziehung. Da klingt ihre Interpretation am differenziertesten, zeichnen sich die meisten Klangfarben ab. Auch «Die Mutter singt» auf einen Text von Vilhelm Krag geht tief unter die Haut, schöpfen doch die beiden Künstlerinnen den emotionalen Gehalt des in seltenem es-Moll notierten Liedes über ein Mädchen im Sarg mit einer ergreifenden Intensität aus. Wunderbare Einfühlung in die romantische Sprachwelt deutscher Dichter zeichnet die Gestaltung der Texte von Geibel, Uhland und weiteren Zeitgenossen aus.

 

Grieg: Lieder. Siri Karoline Thornhill
(Sopran), Reinild Mees (Klavier).
ARS 38 545

Ausgabe: 01 - 2018