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Bild: Oliver Heissner

 

Endlich eröffnet: Die Elbphilharmonie in Hamburg
«Dich, teure Halle, grüss’ ich…»
Selten hat das «Tannhäuser»-Zitat so gut gepasst: Kostenüberschreitung von 1000 Prozent (von 77 auf 789 Millionen Euro), Terminüberschreitung von 500 Prozent (Bauzeit von 2007–2017 statt 2009). Aber nun steht der prächtige Bau, der Albtraum ist zum Elbtraum geworden, und wir wollen ein wenig mitfeiern. Zwei unserer Korrespondenten begleiteten die Eröffnungskonzerte und schildern erste Eindrücke zu Optik und Akustik. Und bereits ist die «Elphi» auf zahlreichen Medien präsent: 
Wir werfen einen Blick auf die ersten CDs, DVDs und Bücher.

Reinmar Wagner

Zwischen futuristisch, archaisch und gemütlich

Sie kamen dann doch alle: Die Spitze des Staates gab sich die Ehre, und die Hamburger nahmen die kleine Verspätung der Berliner zur «Elphi»-Eröffnung hin und empfingen sie freundlich, denn das grosse Warten auf den Prachtbau hat nun wirklich ein Ende! Trotz des ziemlich miesen winterlichen Küstenwetters war es ein Sonnenscheintermin für Hamburg und ganz Deutschland!

Die Elbphilharmonie ist fertig und wird nun von der Liste der deutschen Blamage-Grossbaustellen auf die der Attraktionen wechseln. Das neue Hamburger Wahrzeichen grüsst den Besucher als Flaggschiff schon aus der Ferne. Als Statement der architektonischen Moderne, aber doch fest gegründet auf einem alten Speicherbau prägt es von nun an die Silhouette der Hansestadt.

Blickt man auf die Historie – der Architekt Jacques Herzog nannte sie bei der Eröffnung einen «Monster-Marathonlauf» – dann hätte Thomas Hengelbrock als Motto für das Eröffnungskonzert, nicht mit «Zum Raum wird die Zeit», sondern genauso gut «Dich, teure Halle grüss’ ich wieder» wählen können. Wobei sich Bundespräsident Joachim Gauck den Blick auf die Verwerfungen der überlangen Baugeschichte (und ihre Lehren) nicht verkniff. Dass am Ende zehnmal so viel wie ursprünglich geplant berappt werden musste, liegt auch daran, dass am Beginn zu knapp kalkuliert wurde. Um die Erfahrung des politisch Verantwortlichen für diese Trotz-Allem-Vollendung reicher, meinte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz denn auch, dass so ein Bauwerk an der Grenze des Machbaren nicht unter fünf- bis sechshundert Millionen zu haben ist. Übrigens sind bei der gigantischen, rauf und runter kolportierten Endsumme auch immer die Privatinvestitionen für Nobelhotel, Luxus-Eigentumswohnungen und Gebäudemanagement mit enthalten, die man eigentlich auch raus rechnen müsste…

Aber über Zahlen und Finanzen war schon ausführlich lamentiert worden, jetzt galt’s der Kunst. Zuerst der des Schweizer Architekten-Starduos Herzog & de Meuron und dann der Musik. Schon der Weg in den Grossen Saal ist ein Fest. Es beginnt mit der längsten und sicher elegantesten Rolltreppe Deutschlands auf die allgemein zugängliche Plaza mit dem Premiumblick über Hafen und Stadt. Von da aus geht es die geschwungene, sich verjüngende Freitreppe in Richtung Grosser Saal. Hat man sein Portal gefunden, dann ist der schon rein optisch eine Offenbarung. Die raffiniert versetzte Anordnung der Ränge im Weinberg-Prinzip um das Orchester herum, die fast versteckte Orgel und die vom akustischen Effekt her gedachten und ausgeführten, warm anmutenden Wandelemente nehmen sofort für sich ein. Irgendwo zwischen futuristisch, archaisch und gemütlich; zwischen öffentlich und privat. Und schliesslich der Klang! Die Akustik von Yasuhisa Toyota ist überwältigend. Nimmt man die ersten Äusserungen von Gästen zusammen, dann scheint für die 2100 Plätze als Faustregel «je höher desto besser» zuzutreffen.

Thomas Hengelbrock, der hier mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester residieren wird, hat beim Eröffnungskonzert jedenfalls mit einem Parforceritt durch die Musikgeschichte überzeugend demonstriert, was dieser Saal an Potenzial bietet. In allen Belangen, von der Solo-Oboe und dem grandios aufrauschenden Finale von Oliver Messiaens 10. Sinfonie, von Philippe Jarousskys betörender Engelsstimme mit über vierhundert Jahre alten Petitessen nur zu Margret Kölls Harfenklägen von einem der Ränge aus, auf die auch das Ensemble Praetorius für ihr «Wie schön du bist» von Jacop Praetorius platziert war. Aber auch mit Stücken von Henri Dutilleux, Bernd Alois Zimmermann und dem Furioso von Rolf Liebermann. Das hätte sich Hengelbrock auch einfacher machen können. Hat er aber nicht.

Dass Bryn Terfels donnernder Bass aus dem Götterfunken Freude ein vokales Feuerwerk machen würde, war zu erwarten. Natürlich kann auch eine Wunderakustik die Einschränkung nicht aufheben, die die Hörer haben, die hinter dem Orchester und den Sängern im Rücken sitzen, wenn die sich allesamt in den Schlusschor aus Beethovens 9. Sinfonie werfen. In den Schlussjubel mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks stimmten auch Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl und Pavol Breslik ein. Der hatte zudem die Ehre, der eigens für den Anlass komponierten Novität von Wolfgang Rihm (in Erinnerung an Hans Henny Jahnn) zur Uraufführung zu verhelfen.

Der Star an diesem Abend war jedoch der Saal. Mit seinem warmen Klang, der auch Piani und kleinere Stimmen trägt und aus dem Forte keinen Lärm macht. Der den (Zusammen-)Klang entfalten lässt, randvoll wirkt und dabei keinen Ton (auch keinen falschen) unterschlägt. Wenn sich hier die Weltspitze der Orchester einstellen wird, dann mag das die Grenzen des heute live Möglichen erreichen. Das NDR Orchester hat mit diesem Saal jedenfalls den puren Raumluxus zur Verfügung, an dem es eigentlich nur wachsen kann.

 

 

Die vollendet Unvollendete

Auch Kritikerurteile sind relativ. Nach dem ersten Konzert im grossen Saal der neuen Elbphilharmonie in Hamburg wurde an der Akustik von Yasuhisa Toyota viel moniert. Sie sei nicht wirklich sängerfreundlich, zu analytisch sezierend, im Piano zwar omnipräsent, im Forte jedoch zu distanziert. Das eigentliche Problem an der Eröffnung war indes nicht die Akustik, sondern die Vergabe der Presseplätze. Um der Politik, Wirtschaft und Prominenz die allerbesten Plätze zu garantieren, sassen viele Kritiker schlecht – manche neben der Orgel von Johannes Klais.

Statt diese fragwürdige Praxis transparent zu hinterfragen, wurde die pauschale Keule gegen die Akustik geschwungen. Besonders seriös ist das nicht, und schon gar nicht professionell. Viele Nörgler waren schon wieder abgereist, als am dritten Tag die eigentliche Eröffnung der «Elphi» stieg: die Uraufführung des abendfüllenden Oratoriums «Arche» für Soli, Chöre, Orgel und Orchester von Jörg Widmann unter der Leitung von Kent Nagano, mit den Hamburger Philharmonikern, Marlis Petersen (Sopran) und Thomas E. Bauer (Bariton). In fünf Teilen wird eine Art Schöpfungsgeschichte erzählt, samt Sintflut und Arche Noah.

Er habe sich inspirieren lassen von der Hamburger «Elphi», die wie ein Schiff aussehe, so Widmann. Andererseits atme der grosse Konzertsaal eine sakrale Aura, deshalb das Genre Oratorium. Und weil Widmann gerne Disparates zusammenfügt, galoppiert er auch im neuen Werk durch die Kulturgeschichte. Über das postmoderne Allerweltsklimbim mag man streiten: Aber weil Widmann in Besetzung und Dynamik stets variiert, konnte Toyotas «Elphi»-Akustik vortrefflich analysiert werden.

Ob grossflächiges Pathos oder stille, geräuschhafte Reduktion, Gesang und Rezitation: In keinem Moment wirkte das Ergebnis zu direkt oder diffus, eine schillernde Transparenz von Wort und Klang. Manches negative Kritikerurteil nach der offiziellen Eröffnung war an diesem Abend nicht nachvollziehbar. Dass partiell gewiss noch nachjustiert wird, ist ganz normal. Überdies hatte Toyota schon vor Jahren verraten, dass für die «Elphi» faktisch eine multifunktionalere Akustik bestellt worden sei, was kaum diskutiert wird.

Auch optisch imponiert der grosse, hohe Saal, ohne jedoch zu erschlagen. Das Weinberg-Raumkonzept, bei dem die Bühne in der Mitte steht und die Zuschauerränge sich steil emporwinden, wirkt mit weissen Wänden und hellem Holz offen, transparent und warm – psychoakustisch sehr wirkungsvoll. Die Sitze aus Italien gehören zum Bequemsten überhaupt, grosszügig auch die Foyers, und stets lässt sich der spektakuläre Blick auf Hafen und City geniessen. Während man herumschlendert, schippern Schiffe vorbei.

Doch zunächst muss man hoch und wieder hinunter kommen: Wer die «längste Rolltreppe Europas» nicht nehmen kann, muss den Fahrstuhl finden, um dann noch zweimal umzusteigen – samt Irrwegen zum nächsten Fahrstuhl. Für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer ein Ärgernis. Zudem gibt es in den Foyers einige Stolper- und Stossfallen, zumal manche Stützpfeiler schief stehen. Problematisch auch die Anbindung: Die nächste U-Bahnstation ist nicht gerade nah, und einen Taxistand gibt es – noch – nicht. Dennoch ist die «Elphi» ein echtes Wahrzeichen, das weit in die Welt ausstrahlt. Ein starkes Signal in der sonst so geizigen, wenig kulturaffinen Wirtschaftsmetropole. Hamburg ist dabei, sein Image zu ändern. Spannend ist das.

 

 

Brahms – What else?

Der Hamburger Komponisten-Übervater war quasi ein Must für die erste Einspielung aus dem neuen Konzertsaal, die bereits im letzten November realisiert wurde. Und wer das fantasielos findet von Thomas Hengelbrock und dem in der Elbphilharmonie Heimatrecht geniessenden NDR-Sinfonieorchester, kann auf das sehr breit abgestützte, originell und vielfältig programmierte Eröffnungskonzert verwiesen werden. Und was hören wir jetzt in diesem Brahms vom neuen Saal? Mikrofone bilden eher nicht eine Raumakustik ab, sondern sind üblicherweise vor allem dazu da, eine möglichst direkte und unverfälschte Abbildung des direkten Schalls zu liefern. Das ist auch in dieser Einspielung der dritten und vierten Sinfonie des Hamburger Ehrenbürgers nicht anders, für den ersten Eindruck der Raumakustik also ersetzt nichts den Live-Eindruck.

Schlank und durchsichtig wirkt dieser Brahms allemal, die Konstellationen der Orchesterinstrumente werden klar abgebildet, die Farben deutlich voneinander getrennt. An Dramatik verschenkt Hengelbrock nichts, das klangliche Aufblühen in Streichern und Holzbläsern bleibt dagegen etwas verhalten. Hengelbrocks Brahms ist deutlich den Idealen des Originalklangs verpflichtet, und er hat das in den fünf bisherigen Jahren seines Wirkens an der Spitze dieses Orchesters den Musikern auch vermitteln können.

Und die Akustik des neuen Saals hatte doch bei der Aufnahme auch ihren Einfluss, wie Hengelbrock erzählt: «Das Phänomenale an dieser Aufnahme ist: Der Tonmeister Dirk Lüdemann hat in der Elbphilharmonie zwei Hauptmikrofone hingestellt und nicht mit irgendwelchen künstlichen Dingen gearbeitet. Kein Nachhall, was man sonst immer machen muss, wenn man in der Laeiszhalle oder in Lübeck aufnimmt. Da steht man oft vor dem Problem, dass man sehr viel nachregeln muss. Und das musste man hier gar nicht. Man stellte einfach die beiden Hauptmikrofone hin, wir haben losgespielt – und es klang einfach wunderbar.»

Auch für die Musiker auf dem Podium in der Mitte des Weinbergs sei die akustische Situation eine Offenbarung, sagt Hengelbrock: «Wenn man in der Elbphilharmonie als grosses Orchester spielt, stellt sich nach ein paar Minuten, spätestens nach einer halben Stunde eine Entspannung ein. In der Laeiszhalle haben Sie ständig mit Reflexionen zu kämpfen. Da sitzen Sie in einer kleinen Box und haben von rechts, von links und von hinten Schwingungen. Die überlappen sich und führen zu eigenartigen akustischen Phänomenen, sodass Sie immer dazu angehalten sind, ein bisschen lauter zu spielen, um sich selbst noch hören zu können. Dieser Aspekt fällt in der Elbphilharmonie vollkommen weg. Sie können sich hinsetzen, ein schönes, ruhiges, entspanntes Piano spielen, und Sie wissen, Sie spüren in dem Moment: Ich werde auf jedem Platz im Saal gehört.»

 

• Elbphilharmonie Hamburg – The first recording. Brahms: Sinfonien Nummer 3&4. NDR Elbphilharmonie Orchester, Thomas Hengelbrock. Plus DVD mit dem 60-minütigen Film «Die Elbphilharmonie – Von der Vision zur Wirklichkeit». Sony 88985 406752

• Rechtzeitig zur Eröffnung erschien ein so prächtiger wie informativer und bilderreicher Band von Joachim Mischke und Michael Zapf mit dem schlichten Titel: «Elbphilharmonie», 224 Seiten, Verlag EDEL BOOKS Hamburg 2016, 29.95 €

Ausgabe: 03 - 2017