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musik

Bild: Migros Kulturprozent Classics/Matthias Creutziger

Teodor Currentzis: «Zwischen Bühne und Leben sollte es eine absolute Kontinuität geben.»

 

Teodor Currentzis polarisiert – aber nicht bei Mahler und Strauss – oder?!
Der Übertreibungskünstler

Kai Luehrs-Kaiser

Immer Ärger mit Mahler. Der Komponist, wohl aufgrund leidiger Erfahrungen als Dirigent, pflegte in seinen Partituren so genau zu sein und jede kleinste Tempo- und Vortragsbezeichung akribisch festzulegen, dass Interpreten wenig musikalischer Spielraum bleibt. Mahler hat (fast) alles selbst bestimmt. Darin war er schulbildend. Ergebnis: Viele Mahler-Deutungen klingen sehr ähnlich.

Ein Fall für Teodor Currentzis! Der 48-jährige Exil-Grieche mit Standbein in St. Petersburg gilt zu Recht als Ex­tremist. Er dirigiert das Leise leiser, das Rasche noch rasender. Mit anderen Worten: Currentzis, der Übertreibungskünstler, nimmt Radikalität wörtlich. Und ist damit womöglich der Richtige, um in Mahlers Symphonien neue Spielräume zu öffnen.

Natürlich sieht er das selber anders. «Wenn ein Fortissimo da steht, muss man es eben auch spielen», sagt er schlicht. «In der Vergangenheit, besonders bei Schallplattenaufnahmen, hat man das nicht getan, weil man es für nicht wohnzimmertauglich genug hielt.» Man wollte den Hörer am Lautsprecher nicht verschrecken, so Currentzis. «Ich glaube aber: Musik ist nicht Easy listening. Wir dürfen die Musik nie kastrieren. Es geht um Ehrlichkeit, um nichts sonst.»

Er fordert Gefolgschaft. Deswegen kam nur Russland für ihn in Betracht. Mit eigenem Koch und eigenem Masseur residierte er von 2011 bis 2019 im entlegenen Perm (am «Tor zu Sibirien» im Uralvorland). Sein Ensemble MusicAeterna war (und ist) eine Truppe psychologisch Leibeigener, die auf Fragen des Arbeitsrechts wenig achtet. So etablierte Currentzis eine Art «System Szell 2.0». Ganz ähnlich also wie der ehemalige Zuchtmeister des Cleveland Orchestras, George Szell, der fernab der Metropolen ein effizientes, diktatorisches System des Perfektionismus etablierte. Um darauf seine Weltkarriere zu begründen.

Um Currentzis kennenzulernen, erwies sich die CD bislang nur teilweise als richtiges Mittel. Superleise Stellen verpufften, wenn man sie auf Tonträgern nachhört. Auch Currentzis’ problematisches Verhältnis zu Sängern deckelte manche Opernaufnahme. Mit seiner renommiertesten Solistin, Simone Kermes, überwarf er sich. Dieser Mann, ganz unmodern, ist der wohl erste Dirigent des Digitalzeitalters, an dem sowohl die Technik wie allgemeine Arbeitsbedingungen zu versagen drohen. Man muss ihn live hören.

Wo Currentzis’ grösste Reper­toire-Kompetenz liegen mag, ist nicht leicht zu sagen. Von seinem Mozart-da-Ponte-Zykus kann einzig «Così fan tutte» sängerisch bestehen. Die Rameau-CD «The Sound of Light» (mit Opern-Tanzsätzen) entpuppte sich als Klassiker fortgeschrittener Fahrstuhlmusik (und wird von Radio-Stationen rauf und runter gespielt). Seine bislang beste Protagonistin fand er in der – gleichfalls exzessiven – Geigerin Patricia Kopatchinskaja (mit der er Tschaikowskys Violinkonzert durchrüttelte).

Als Currentzis 2018, obwohl er erklärt hatte, niemals ein traditionelles Orchester leiten zu wollen, das SWR Symphonieorchester übernahm, wunderte man sich. Auch hierbei jedoch bleibt er sich extremistisch treu. Geprägt von Dirigenten wie Roger Norrington, Michael Gielen und Francois-Xavier Roth mischen sich bei diesem Ensemble Einflüsse der (vibratofreien) historischen Aufführungspraxis mit solchen der Neuen Musik. Typisch Currentzis.

Welche Position er bei Mahlers Symphonie Nr. 1 – und ähnlich auch bei Richard Strauss’ «Tod und Verklärung» – beziehen wird, ist eher leicht anzugeben. Keine utopische, ins Offene hörende Mahler-Version wie bei Claudio Abbado ist von ihm zu erwarten. Auch keine «klassische» wie bei Karajan oder Tennstedt, keine analytische wie bei Pierre Boulez. Sondern eine hyperenergetische, wie man sie bislang noch überall an ihm wahrnehmen konnte. Nicht ab durch die Mitte. Sondern von den Rändern her – ins Ziel.

«Ich bin der Meinung», so Currentzis, «dass es zwischen Bühne und Leben eine absolute Kontinuität geben sollte. Keinen Gegensatz.» Deswegen bleibe alles für ihn extrem wie das Leben selbst. «Kunst ist kein Festtagsball.» Aber umso bunter.

 

Migros-Kulturprozent-Classics

SWR Symphonieorchester Teodor Currentzis (Leitung) Richard Strauss: «Tod und Verklärung» Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur Luzern, KKL, 2. März 2020, 19.30 Uhr Informationen und Karten: www.migros-ku ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2020