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Bild: Bartek Barczyk

Alexander Liebreich: «In unserem Saal zu musizieren, ist einfach wunderbar.»

 

Alexander Liebreich über sein Orchester, das NOSPR, polnische Musik und seine Zeit in Nordkorea
«… der schönste neue Saal»
Sie spielen in einem der schönsten und besten neuen Konzertsäle Europas, und sie schreiben seit fünf Jahren eine international wahrgenommene gemeinsame Erfolgsgeschichte: der deutsche Dirigent Alexander Liebreich und das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks (NOSPR). Polnische Musik hatte schon immer einen hohen Stellenwert in seinem künstlerischen Leben. Alexander Liebreich und das NOSPR sind im April Gastgeber der Gala 2018 der International Classical Music Awards (ICMA).

Andrea Meuli

M&T: Vor einem Jahr wurde Ihnen der Sonderpreis des Kulturpreises Bayern verliehen. Unter den Vorgängern finden sich mit Dieter Dorn und Gerhard Polt ein Regisseur und ein Kabarettist. Zu welcher Seite neigen Sie eher?

Alexander Liebreich: Ganz klar zum Kabarettisten! Als Dirigent ist man irgendwie auch ein Entertainer. Wenn man mit einem Visum nach Asien oder Amerika fährt, steht vorgedruckt im Pass als Berufsbezeichnung immer «Entertainer». Letztlich sind wir auf der Bühne ja da, um die Leute – im besten Sinne – auch zu unterhalten. Wir versuchen, dem Publikum etwas mitzugeben und es zu überraschen. Genauso wie der Kabarettist jeweils ja auch versucht, die Leute auf etwas vorzubereiten, um dann eine verblüffende Wendung zu bringen. Ich finde, das ist in der Musik ganz ähnlich.

M&T: Wenn man Sie dirigieren sieht, dann vermitteln Sie auf dem Podium auch eher Offenheit und Freude als gestrengen Ernst …

Alexander Liebreich: Auch wenn ich in der Musik selber immer wieder die dunkeln Stellen suchen mag, bedeutet mir das Kommunizieren mit den Musikerinnen und Musikern viel – es muss tatsächlich Spass machen. Ich bin jemand, der nicht gerne alleine ist, und auf der Bühne möchte ich mit allen gemeinsam etwas erreichen. Insofern lade ich die Leute ein zu kommunizieren. Das hielt schon mein Mentor Claudio Abbado so, der stets im Sinne von Offenheit die Musiker aufgefordert hatte, mit ihm gemeinsam etwas zu erkunden und zu erreichen. Demgegenüber blieben seine persönlichen Abgründe verborgen, da liess er niemanden an sich heran. Dieses Gedankenmodell kann ich gut nachvollziehen, ich war von ihm auch sehr fasziniert.

M&T: Ist man in der Musik einsam?

Alexander Liebreich: Letztlich ist man immer einsam. Aber andersherum: Wenn man davon überzeugt ist, dass etwas wahr ist, dass es – gemeinsam mit anderen realisiert – auf der Bühne funktioniert, dann löst das Einsamkeit zwar nicht auf, aber man erfährt zumindest etwas Trost. Was ja das Schöne am Orchester ist, dass wir in dieser Wahrheit, die wir gemeinsam vielleicht ein wenig erringen, die Einsamkeit etwas zu reduzieren vermögen.

M&T: Kommen wir zu Ihrer jetzigen Hauptaufgabe als Chefdirigent des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks (NOSPR): ein Deutscher an einer Schlüsselstelle des polnischen Musiklebens. War diese Wahl für 2012 einfacher als sie heute wäre?

Alexander Liebreich: Ich befürchte, ja. Und kämpfe dafür, es nicht wahrhaben zu wollen. Denn ich glaube, die Beziehung zwischen dem Orchester und mir wäre nicht anders. Aber in der Repräsentation nach aussen, welche diese Position mit sich bringt, haben sich Dinge geändert wie im ganzen europäischen Raum. Dinge, welche die Selbstverständlichkeit, miteinander umzugehen, wieder in Frage stellen. Und das ist ganz gefährlich. Ich versuche so lange wie möglich an unseren hergebrachten Werten festzuhalten. Gäbe es diesen Affekt zwischen dem Orchester und mir nicht, dann hätten wir vor einem Jahr nicht unseren Vertrag noch einmal bis 2019 verlängert. (Lachend) Im Übrigen sehe ich mich nicht als Deutschen, sondern als Bayer …

M&T: Was für ein Klischee …

Alexander Liebreich: … das ich ganz gern bediene … (lacht) Aber es ist schon klar, in der Musik bin ich ein Europäer, das spüre ich ganz stark. Dass wir in Europa ein geistiges Zentrum haben – ein Zentrum der Aufklärung, des Humanismus und der Renaissance.

M&T: Wenn wir schon bei der Politik sind: Wie sind Sie vor einigen Jahren zu einer Gastprofessur ausgerechnet in Nordkorea gekommen?

Alexander Liebreich: Das muss ich klären: Ich war Professor des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst, die Red.) an der Hochschule für Musik und Tanz in Pjöngjang. Ich würde nie eine Professur im Dienste der nordkoreanischen Öffentlichkeit annehmen. Es war das Goethe-Institut, welches diesen ersten Versuch, eine Gastprofessur einzurichten, angeregt hatte. Das war unglaublich. In den Inhalten war ich ausschliesslich dem Deutschen Auswärtigen Amt verpflichtet – und nicht dem koreanischen Staat. Die Zeit an der dortigen Hochschule war die schönste Zeit, die ich je erlebt habe. So intensive, offene und auch dem System gegenüber kritische Gespräche wie damals erlebte ich weder vorher noch nachher. Es war ein hochintelligenter Diskurs, weil der Bildungsstand so etwas von hoch ist und die Leute unglaublich aufnahmebegierig sind: Jede Information wird aufgenommen, weil sie neu sein könnte.

M&T: Zurück nach Polen: Polnische Musik bildet logischerweise einen Schwerpunkt des Repertoires gerade dieses traditionsreichen Orchesters. War es für Sie ein Schritt in ein neues, unbekanntes Feld – oder pflegten Sie bereits zuvor eine besondere Beziehung zu polnischer Musik?

Alexander Liebreich: Ja, diese Beziehung bestand schon vorher. In München hatte ich mit dem Zyklus «Nachtmusik der Moderne» immer wieder Werke von Lutosławski, den ich nach wie vor für einen der Grössten halte und auch immer wieder aufführe, auf die Programme gesetzt. Natürlich habe ich auch neue Erfahrungen gemacht, neue Entdeckungen, so etwa die späte Zeit von Szymanowski, die ich grossartig finde. Von Penderecki hatte ich vieles schon zuvor gekannt, habe mich jedoch sehr gefreut, dieser Musik vertiefter zu begegnen. Wenn man nach Polen hingeht, muss man sich auch mit dieser Musik auseinandersetzen wollen, das ist eine Voraussetzung, und es war mir auch wichtig. Aber es sollte keine museale Beschäftigung mit der nationalen Musikgeschichte sein. Das NOSPR ist ein Champions-League-Player und soll sich mit Stücken der Champions League profilieren. Was selbstverständlich nicht ausschliesst, interessante, aber vergessene Werke wieder zu entdecken.

M&T: Das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks hat international den Ruf, das führende polnische Orchester zu sein. Und das in Katowice. Gibt es da keinen Gegenwind, keine Eifersucht aus Warschau?

Alexander Liebreich: Die Wahrnehmungen sind unterschiedlich. Wir sind im Kultusministerium in Warschau verankert. Der Polnische Rundfunk ist unser Arbeitgeber und unser Chef. Das Orchester hat jedoch seine Spielstätte in Katowice. Und wenn etwas fraglos das Beste ist, dann unser Konzertsaal mit seiner phänomenalen Akustik. Es ist der schönste neue Saal, den ich kenne. Ich war auch in Paris, natürlich hat auch das KKL in Luzern eine tolle Akustik – aber in unserem Saal zu musizieren, ist einfach wunderbar. Ich denke, das hat dem Orchester sehr für sein eigenes Verständnis geholfen. Und über Gastspiele und Aufnahmen versuchen wir diesen Ruf nach aussen zu tragen. Es gab übrigens auch viele Chefdirigenten, die in Katowice tätig waren und dann nach Warschau gegangen sind. Einen Austausch gibt es natürlich – wie auch eine leichte Konkurrenz. ■

Alexander Liebreich

Mitte Dezember wurde bekannt gegeben, dass Alexander Liebreich ab September 2018 zum neuen Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter des Prager Rundfunk-Sinfonieorchesters ernannt wurde. Dieselbe Position hat er seit 2012 beim renommiertesten polnischen Orchester, dem Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunk ... Weiter
Ausgabe: 01 - 2018