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König Carl XVI. Gustaf von Schweden präsentiert die Preis-Urkunde des Birgit-Nilsson-Preises 2018 an Nina Stemme.

 

Stafette der schwedischen Hochdramatischen: Nina Stemme wird mit dem Birgit-Nilsson-Preis 2018 geehrt
«Darum geht es!»
Nina Stemme bekam den diesjährigen Birgit-Nilsson-Preis zugesprochen. Anlässlich der stimmungsvollen Feier in der Königlichen Oper Stockholm trafen wir die schwedische Sopranistin, die auch Zürich schon viele denkwürdige Opernabende beschert hat, zum Gespräch.

Andrea Meuli

«Meine Arbeit als Sängerin macht mich nicht nur glücklich, sondern 
auch zu einer besseren Mutter»

«Wir reisen viel mehr herum 
als damals»

M&T: Es gibt Sängerinnen und Sänger, die schonen ihre Stimme vor einer Aufführung. Wie lange sprechen Sie nicht vor einer Vorstellung?

Nina Stemme: Nur, wenn ich krank bin und weiss, was auf mich als Sängerin wartet … Ansonsten spreche ich ganz normal. Wenn ich sehr müde bin, halte ich mich allenfalls am Tag einer Vorstellung zurück.

M&T: Verstehe ich Sie richtig, Sie überwinden sich und treten auch auf, wenn Sie krank sind …?

Nina Stemme: … Manchmal ist das tatsächlich so. Es kann vorkommen, wenn ich weiss, dass es meiner Stimme nicht schadet und mein Körper mich nicht allzu sehr schmerzt.

M&T: Sie sind also hart im Nehmen.

Nina Stemme: Natürlich weiss ich, dass ich immer ersetzbar bin. Es gibt eigentlich immer jemanden, der meine Partien singen kann. Einzig, wenn etwas sehr kurzfristig vorfällt und es zu spät ist, um jemand anderen zu finden, kann die Situation es erfordern, dass man hingehen, sich hinstellen und singen muss. Oder wenn man am Vorstellungstag mit 39 Grad Fieber aufwacht, und es keinen Ersatz gibt – was mir einmal geschehen ist. Alter. Aber man muss da schon sehr vorsichtig sein, welches Risiko man eingehen kann.

M&T: Sie wirken stets ruhig und überlegt, sind Sie nie nervös?

Nina Stemme: An meinen Nerven arbeite ich die ganze Zeit … (Lachend) Die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich nicht ruhig bin. Ich kann zwar ruhig wirken, doch in mir bewegt sich viel. Ich bin ruhig und stark und total aktiv – alles gleichzeitig. Mein Gehirn, meine Gedanken, mein Herz sind immer beschäftigt. Da hilft mir Yoga sehr, ich brauche das.

M&T: Den Vergleich mit Birgit Nilsson werden Sie öfters hören. Nervt er Sie?

Nina Stemme: Solche Vergleiche machen eher die anderen, Journalisten zum Beispiel (lacht). Ich bin ja hier und jetzt in meiner Karriere und habe sie nie live auf einer Bühne erlebt. Aber natürlich ist es eine grosse Ehre, mit Birgit Nilsson verglichen zu werden. In Schweden, in Stockholm im Besonderen, habe ich immer wieder gehört, wie berühmt sie in Wien war. Da habe ich mich gefragt: Wie ist es mit dieser Stadt? Mehr und mehr hat es mich da hingezogen – und jetzt habe ich selber eine enge Beziehung zu Wien und der Oper dort!

M&T: Wenn Sie heute Birgit Nilsson eine Frage als Kollegin stellen könnten, was würden Sie sie fragen?

Nina Stemme: … hmm – vielleicht, wie es war, als sie zu singen aufgehört hat? Wann weiss man, wenn es genug ist?

M&T: Birgit Nilsson hat im Gespräch immer wieder gesagt, sie hätte neben ihrer Karriere nicht auch noch ein Familienleben mit Kindern geschafft. Sie schaffen es. Ist diese Doppelrolle als Frau heute einfacher zu bewältigen?

Nina Stemme: Die Welt hat sich seither tatsächlich verändert. Damals war es unter Opernsängerinnen normal, auf Kinder zu verzichten. Und ich weiss, dass es in manchen Ländern noch immer so ist. Ein Kind aufzuziehen, ist eine Riesenaufgabe, und man braucht ein grosses Netzwerk, wenn man beruflich beschäftigt ist. Wir müssen uns auch bewusst werden, dass Kinder nicht unser Eigentum sind. Wir können sie zu einem eigenen Leben erziehen, ihnen dazu verhelfen. Daher war mir immer klar, dass ich als erziehende Mutter diese Aufgabe nicht besser wahrnehmen kann als meine Mutter, mein Mann oder jemand anderer aus unserem grossen Netzwerk. Ich wollte, dass die Kinder ein geografisches Zuhause haben – das ist Stockholm geworden – und mit einem Netzwerk liebender Menschen um sie herum aufwachsen. Das hat funktioniert, ich hatte Vertrauen in diese Menschen. Meinen Kindern habe ich gesagt, dass ich keine richtig gute Mutter wäre, wenn ich nicht arbeiten könnte. Denn ich liebe meine Arbeit sehr, und ich bin davon überzeugt, dass mich meine Arbeit als Sängerin nicht nur glücklich, sondern auch zu einer besseren Mutter macht.

M&T: Nicht nur Birgit Nilsson war ein leuchtendes Gesangsidol aus Schweden. Auch Elisabeth Söderström oder Berit Lindholm wurden bei uns immer hoch geschätzt. Gibt es so etwas wie eine Kontinuität zwischen den Generationen: Sängerinnen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen an junge Kolleginnen weitergeben? Haben Sie so etwas erlebt?

Nina Stemme: Nicht direkt. Gleichsam symbolisch habe ich damals den Stafettenstab von Berit Lindholm übernommen als ich meine erste Isolde hier an der Königlichen Oper in Stockholm sang. Ich habe Berit Lindholm vielleicht ein oder zweimal in ihrer späten Karriere gesehen und gehört, doch war ich damals nicht so sehr interessiert in diesem dramatischen Repertoire. Aber ich habe sehr viel über ihre Technik sowie ihre künstlerische Einstellung von meinem Stimmcoach erfahren. Das fand ich sehr interessant, aber leider ergab sich nie eine Gelegenheit, eine persönliche Beziehung zu ihr aufzubauen.

M&T: Sie singen ja nicht nur dramatisches deutsches Repertoire, sondern auch Verdi und Puccini. Erfordern diese Werke dieselbe Technik?

Nina Stemme: Seit rund zehn Jahren denke ich, es ist dieselbe Technik. Dennoch machen die unterschiedlichen Sprachen – und wie man in ihnen phrasiert – den Unterschied aus. Jeder mag mental zu verschiedenen Sprachen eine andere Beziehung haben. Für mich war es eine Frage der Erfahrung und des Übens. Ich hätte viel mehr italienisches Repertoire singen können, das ja auch immer noch sehr gut für meine Stimme ist. Man singt schlanker! Wenn man dauernd Wagner singt, geschieht es von alleine, dass die Stimme ein bisschen schwerer wird, falls man nicht darauf achtet. Ist die Tessitura höher, wird die Stimme schlanker.

M&T: Sie haben wie viele andere am Beginn Ihrer Karriere mit Mozart begonnen. Ist Mozart für jede Stimme gesund, wie oft gesagt wird?

Nina Stemme: Natürlich war Mozart nicht schlecht für meine Stimme, aber ich habe mich dabei nie sehr wohl gefühlt. Rein stimmlich, wohlverstanden! Hingegen habe ich mich als Musikerin und Schauspielerin superwohl gefühlt in seinen Werken. Es war eine hervorragende Schule für mich, und ich wünsche allen dramatischen Sängerinnen, dass sie Mozart auf der Bühne singen.

M&T: Hat sich die Opernszene seit Birgit Nilssons Zeit verändert? Und wie?

Nina Stemme: Da spreche ich natürlich ausschliesslich aus meiner eigenen Erfahrung. Der Betrieb ist viel härter geworden. Wir reisen viel mehr herum als damals. Birgit Nilsson hat ja fast alle ihre Rollendebüts an der heimischen Bühne, hier an der Königlichen Oper in Stockholm, gemacht. Das ist heute ganz anders. Bei mir sind es gerade noch zwei Rollendebüts hier in Stockholm: Turandot und «Fanciulla del West». Heute habe ich das Privileg, aussuchen zu können, wo ich eine Partie das erste Mal singen und spielen möchte. Kommt hinzu, dass es heute auch keine Rolle mehr spielt, wo ein solcher Auftritt über die Bühne geht. Er wird via Internet und alle elektronischen Kanäle ohnehin überall hin verbreitet. Kommt hinzu, dass die Voraussetzungen für ein Debüt an einem grossen Haus natürlich ganz andere sind.

M&T: Sie singen im kommenden Frühjahr in Wien Ihre erste Färberin. Sind Sie schon am Lernen der Partie?

Nina Stemme: Schon lange beschäftige ich mich immer wieder damit, leider jedoch nicht so oft, dafür hat mir bisher die Zeit gefehlt. Aber ich benutze jeden Augenblick, der mir dazu bleibt, um diese Partie zu studieren. Es ist eine sehr vielschichtige und auch musikalisch sehr schwierige Rolle. «Die Frau ohne Schatten» ist ein Märchen, das viel über die Menschen und über ihre Beziehungen untereinander erzählt. Ich bin sehr gespannt!

M&T: Richard Strauss ist der eine Schwerpunkt in Ihrem jetzigen Repertoire, Wagner der andere. Sind die Anforderungen der beiden Komponisten vergleichbar? Oder gibt es vokal grundlegende Unterschiede?

Nina Stemme: Strauss und Wagner stehen für zwei grundlegend unterschiedliche musikalische Sprachen. Strauss reizte die damalige Grenze aus, wusste nicht, ob er tonal oder atonal weitergehen sollte. Bekanntlich hat er sich für den tonalen Weg entschieden und nach «Salome» den «Rosenkavalier» geschrieben. Strauss hat einen sehr farbenreichen Orchestersatz entwickelt, was für uns Sänger zu schwer und zu laut sein kann. Das ist bei Wagner nicht sehr oft der Fall. Er hat ja auch sehr viele leise Momente in seine Musik eingebaut. Ausserdem schreibt er etwas breitere Linien und für eine etwas tiefere Tessitura. Strauss hat eine wunderbare vokale Spur für Sopranstimmen gefunden; doch erst den Libretti von Hofmannsthal verdanken wir, dass seine Intuition für die Verschmelzung von Text und Musik so wunderbar aufblühen konnte. (Lachend) Wie viel er verstanden hat, weiss ich nicht. Aber es ist wahnsinnig interessant für mich als Künstlerin, die Begegnung zwischen den beiden aus der Partitur herauszulesen, danach zu forschen.

M&T: Für Sie als Sängerin ist es demnach schwieriger, als Elektra gegen die Orchesterwogen anzusingen, denn eine Brünnhilde auf der Bühne zu bewältigen?

Nina Stemme: Elektra ist sehr schwer. Aber letztlich hängt alles vom jeweiligen Dirigenten und Orchester ab. Wie er es versteht, die Farben der Musik durchleuchten zu lassen, und nicht Wirkung durch pure Lautstärke zu erzeugen versucht. Dann kann es wunderbar sein, Elektra zu singen. Es trägt sich von selber, es fliesst und strömt – wogegen man bei Wagner aufpassen muss, dass man nicht allzu sehr den Moment auskostet und dabei zu schwer wird.

M&T: Wie entspannen Sie Ihre Stimme nach einer Vorstellung, nach dem Kraftakt etwa einer Brünnhilde oder Isolde?

Nina Stemme: Das ist sehr schwierig! Einzuschlafen nach einer Vorstellung, habe ich immer Schwierigkeiten – mein Adrenalin pumpt da weiter. Eigentlich bräuchte ich zwei Tage Ruhe! Lange Spaziergänge in der Natur sind ideal. Aber sehr oft ist man mitten in einer Stadt und hat man diese Möglichkeit nicht. Manchmal fehlt mir auch ganz einfach die Kraft, um noch etwas zu unternehmen.

M&T: Wenn man einmal in einem gewissen dramatischen Repertoire drin ist, rücken andere Partien in den Hintergrund; mit dem Vorangehen ist immer auch ein Verlust verbunden. Kommen da hin und wieder melancholische Gedanken auf?

Nina Stemme: Manchmal ja. Aber wenn man spürt, dass man nicht sein Bestes in einer Partie geben kann, dann sollte man sie lassen. Ausserdem habe ich das Privileg, so viele schöne andere Projekte und Rollen vor mir zu haben! Da bin ich eher unnostalgisch.

M&T: Keine Zeit für Melancholie?

Nina Stemme: Nein, die kann ich auf der Bühne ausleben …!

M&T: In Zürich haben Sie viel gesungen. Nun ist das Opernhaus nicht mehr auf Ihrem Kalender. Bleibt das die nächsten Jahre so?

Nina Stemme: Das weiss ich noch nicht …

M&T: Das heisst, diese Türe hat sich geschlossen …?

Nina Stemme: Nein! Sie ist immer offen. Ich liebe Zürich. Es ist eine schöne Stadt und ich habe viele schöne Dinge dort gemacht. Aber es muss das Richtige für mich sein. Doch so war es immer, daran hat sich gar nichts geändert. Alles muss stimmen: Produktion, Dirigent – und die Periode in meinem Kalender natürlich auch! Ich versuche so sachlich umzugehen, wie möglich. Damit ich alles geben kann, wenn ich an einem Ort bin. Darum geht es! ■

Ausgabe: 01 - 2019