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oper

Bild: Martin Hoffmeister

Mirella Freni, 2010 geehrt mit dem Midem Classical Award für ihr Lebenswerk.

 

In Erinnerung an die italienische Sopranistin Mirella Freni
«Daran glaube ich»
Mirella Freni wurde im Januar 2010 in Cannes mit einem Midem Classical Award für ihr künstlerisches Lebenswerk ausgezeichnet. Andrea Meuli war Mitglied der damaligen Jury und führte das Gespräch mit der italienischen Sopranistin – knapp fünf Jahre nach ihrem Rückzug von der Bühne. Danach gründete sie in ihrer Heimatstadt Modena eine Sängerakademie und war auch andernorts um den Nachwuchs an Sängerinnen und Sängern bemüht. So zum Beispiel im Herbst 2009 am Theater Basel. Von diesem 
Meisterkurs stammen die Fotos von Priska Ketterer. – Zur Erinnerung an Mirella Freni publizieren wir noch einmal Auszüge aus diesem Interview, da sie Persönlichkeit und künstlerisches Credo der grossen Sängerin authentisch spiegeln.

Andrea Meuli

Sie scheinen immer im Gleichgewicht mit sich selbst gewesen zu sein. Diesen Eindruck vermittelten Sie als Sängerin auf der Bühne jedenfalls.

Mirella Freni: Ich habe die Musik und den Gesang über alles geliebt, aber ich habe nie gedacht: Mirella, du musst hingehen, da einen Effekt und dort einen Spitzenton platzieren – natürlich wusste ich auf der Bühne mit meiner Stimme umzugehen, meine Technik einzusetzen. Viel wichtiger jedoch war mir, eine Interpretation zu geben. Mehr Künstlerin zu sein als Sängerin. Dabei hatte ich das Glück, wunderbare Kollegen und grosse Dirigenten um mich herum zu haben. Auch dass ich in wichtigen Produktionen mitwirken konnte, gab mir Sicherheit, ich konnte mich mit mehr Gelassenheit entwickeln.

Es braucht wohl beides, damit eine Künstlerin oder ein Künstler eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln kann: professionelle Konsequenz wie starke Emotionen.

Mirella Freni: Emotionen sind wichtig, aber man muss sie im richtigen Mass pflegen und darf nie die Kontrolle 
verlieren. Lässt man sich als Sänger emotional gehen, ist plötzlich der Atem weg.

Erlebten Sie einen solchen Moment in Ihrer Karriere?

Mirella Freni: Nein. Vielleicht bin ich ganz am Anfang, in meinen ersten wichtigen Produktionen, in die Nähe solcher Gefahr geraten. Aber letztlich ist es immer der Verstand, welcher alles leitet. Daran sollte man sich auf der Bühne erinnern, nur dann gelingt es einem, sich freizusingen.

Diese Formulierung trifft es ganz gut: Sie haben auf der Bühne immer sehr frei gewirkt. Wie haben Sie sich, trotz allem Druck, diese Lockerheit stets bewahrt?

Mirella Freni: Aus diesem Grund! (Lachend) Weil ich meinen Verstand nie vergessen habe …

… und weil Sie sich auf eine sichere Technik verlassen konnte.

Mirella Freni: Die muss Voraussetzung sein. Und wenn man sich einen Abend nicht sehr wohlfühlt, muss man umso aufmerksamer sein. Aber das ist mir eigentlich ganz gut gelungen. Man muss sich allerdings seiner Technik wirklich sicher sein, sein Instrument sehr gut kennen – und sich dann befreien. Was bedeutet, ein Künstler zu werden. Sänger zu sein, ist das eine, ein Künstler zu sein hingegen steht darüber.

Wie versuchten Sie, diese Haltung in die Gestaltung Ihrer Rollen einzubringen?

Mirella Freni: Das war für mich das Wichtigste. Jedes Mal, wenn ich eine Rolle studierte, verinnerlichte ich mir die Partitur sehr genau. Denn die Komponisten notierten ihre Piani, Diminuendi oder Crescendi ja nicht als vokale Übungen, vielmehr steht dahinter immer ein gewünschter Ausdruck.

Also keine oberflächliche Effekte …

Mirella Freni: Denen habe ich wirklich nie gehuldigt, auch nicht in meinem Leben, das entspricht mir auch nicht.

Ihre Schicksalspartie war die Mimì sicherlich, war es auch Ihre Lieblingsrolle?

Mirella Freni: Ich habe sie sehr geliebt, und ich liebe sie bis heute, hat mir doch diese Rolle alle Wege geöffnet, 1964 sogar noch an die alte Metropolitan Opera! Aber auch all die anderen Frauenfiguren, die ich verkörperte, haben mir grosse Emotionen vermittelt. Dabei ist es klar, dass Micaëla nichts mit der Persönlichkeit einer Violetta oder eben Mimì, nichts mit Elisabetta, Desdemona oder Fedora gemeinsam hat. (Lacht) Es sind jedoch alles meine Töchter – wie könnte ich da eine geringer schätzen als die andere …?

Ihre Natürlichkeit auf der Bühne bleibt unvergessen …

Mirella Freni: … ich habe mich mit Enthusiasmus in jede meiner Rollen hineingelebt und vertieft, um sie wirklich interpretieren zu können. Da konnte ich mich bis zum Verrücktwerden an den feinsten Details erfreuen – nicht nur musikalisch, Note für Note, Wort für Wort, sondern auch im Gestalten des jeweiligen Charakters, vertraute ich auf meine Sensibilität. Ein gründliches Studium bewahrte mich jeweils davor zu übertreiben oder umgekehrt, aus einer Rolle zu wenig zu machen. Es galt immer, das richtige Mass, einen menschlichen Weg zu finden. Ich habe immer so gearbeitet, immer, immer, immer – und so fühlte ich mich wohl.

Honorierten die Maestri dieses akribische Hineinleben in Ihre Rollen? Immerhin sangen Sie regelmässig unter Dirigenten, die nicht als die einfachsten galten, nennen wir neben Karajan nur Carlos Kleiber.

Mirella Freni: Ich hatte nie Probleme mit Dirigenten. Zum einen kam ich gut vorbereitet zu den Proben, und zum anderen war ich offen, in einem gemeinsamen Arbeitsprozess auch Impulse eines Dirigenten – zumal grandioser Musiker wie Karajan oder Kleiber – aufzunehmen, um zu einem Resultat zu gelangen, welches beide glücklich machte.

Nichts anderes als eine professionelle Einstellung …

Mirella Freni: … für mich war diese Einstellung ganz normal (lachend), das ist mein Charakter! Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit in der Kunst und im Leben sind ebenso wichtig wie richtig. Daran glaube ich. In der Kunst kannst du noch irgend etwas vortragen – im Leben geht das nicht, da musst du so sein, wie du bist. So bin ich! ■

 

(Das Gespräch mit Mirella Freni wurde erstmals publiziert in der M&T-Ausgabe 3/2010, Seiten 16, 17)

Memorie indimenticabili

Die Tränen der Trauer um Nello Santi waren noch nicht getrocknet – schon erreichte uns die nächste Hiobsbotschaft, erneut aus dem Reich der Oper: Mirella Freni starb am 9. Februar 84-jährig, in ihrer Heimatstadt Modena. Welche Sternstunden aus dem Opernhimmel hat uns die italienische Sopranistin in ihrer langen, fünfzig ... Weiter
Ausgabe: 03 - 2020