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Bild: Urban Ruths

Ursina Lardi: «Ich fürchte nicht um meine körperliche und seelische Unversehrtheit, da weiss ich mich schon zu schützen.»

 

Wohin trägt einen der Inhalt? – die Schauspielerin Ursina Lardi über ihre bedingungslose Offenheit auf der Bühne
«Dann sind wir 
dran …!»
Ob auf der Bühne oder vor der Kamera: Ursina Lardi sucht immer die Extreme, lotet ihre Grenzen aus. So zuletzt im vergangenen Sommer und Herbst als «Everywoman», einer viel beachteten Produktion von Milo Rau für die Salzburger Festspiele und 
die Schaubühne Berlin. Ende Januar kehrt die Schweizer Schauspielerin an den Ort ihrer theatralen Anfänge zurück. Sie spielt 
in Thorsten Lensings Bühnenversion von «Unendlicher Spass» am Theater Chur eine der Hauptrollen.
Schamlos aufrichtig, radikal authentisch: Thorsten Lensings Bühnenversion von «Unendlicher Spass». Mit Ursina Lardi und André J

Andrea Meuli

«Für mich kann es nicht weit genug gehen»

M&T: Es sind ganz besondere, auch schwierige Monate zurzeit. Für uns alle, in allen Lebensbereichen. Wie sehr fehlt Ihnen die Bühne, der physische Ausnahmezustand des Spielens?

Ursina Lardi: Für mich war die Unterbrechung gar nicht so gross. Im April hatte ich eine Pause, aber danach habe ich eigentlich fast normal durchgearbeitet. Ich habe zwei Monate geprobt und über zwanzig Vorstellungen von «Everywoman» gespielt, einem monologischen Abend, der eine Koproduktion der Berliner Schaubühne mit den Salzburger Festspielen ist. Zudem habe ich in der Zeit auch zwei Filme gedreht. Insofern habe ich beruflich bisher kaum Folgen der Pandemie zu spüren bekommen.

M&T: Vielerorts wird derzeit fast oder ganz ohne Publikum gespielt und gestreamt oder aufgezeichnet. Geht das, spielen ohne Publikum? Kann man sich als Schauspielerin oder Schauspieler so überhaupt in Gang bringen?

Ursina Lardi: Da ich auch viel drehe, ist diese Situation für mich nicht besonders problematisch. Das Publikum ist ja über die Kamera trotzdem präsent. Wenn man dreht, muss man sich ja auch in Gang bringen – ohne ein Live-Publikum. Das ist nicht das Problem. Ob sich hingegen jede Vorstellung zum Streamen eignet, ist eine andere Frage. Man muss sich immer bewusst sein, dass eine gestreamte Vorstellung bloss ein Zitat ist – und nicht wirklich die Vorstellung. Ein Theaterstück ist kein Film und gewisse Dinge gehen so verloren. Es gibt aber auch Vorstellungen, bei denen das gut funktioniert.

M&T: Wie spüren Sie im Film, wenn Sie in die Kamera spielen, das Publikum?

Ursina Lardi: Die Kamera ist das Auge, sie ist sozusagen das Publikum. Und ich vergesse auch nicht, dass der Film später geschaut wird.

M&T: Hat die Vermittlung eines Inhalts durch Sprache am Theater in seiner heute zunehmend gespielten Form eine andere Bedeutung als in traditionellen Theaterformen mit einer literarischen Vorlage?

Ursina Lardi: Ich weiss nicht, ob ich die Frage richtig verstehe ...

M&T: ... an die Stelle eines klar definierten Textes treten oft ganz freie und eigene Varianten: Überschreibungen ersetzen den ursprünglichen Text, brechen ihn auf. Hat deshalb die Sprache auf der heutigen Bühne als eigenständiger Bedeutungsträger verloren?

Ursina Lardi: Nein, das denke ich nicht. Theater ist eine lebendige Kunstform, die sich wandelt. Genauso wie auch die Sprache sich wandelt. Aber heute wie damals vermittelt Sprache Inhalt.

M&T: Ist es vielleicht so, dass der literarischen Qualität eines Theatertextes nicht mehr dieselbe exklusive Bedeutung zukommt, die sie einst hatte?

Ursina Lardi: Das würde ich so nicht sagen wollen. Die literarische Qualität ist mir genauso wichtig in einem neu geschriebenen Text. Die alten Texte haben aus einer Fülle von Tausenden überlebt; unter den neuen wird die Zukunft zeigen, welche überdauern werden. Aber ich möchte literarisch hochwertige Texte auf die Bühne bringen, das bleibt der Anspruch. Sonst wäre ich Tänzerin oder Musikerin geworden – für mich ist die Sprache essenziell wichtig, deshalb habe ich eine Kunstform gewählt, die mit Sprache zu tun hat. Na gut, und ich kann nicht besonders gut tanzen … (Lacht)

M&T: Heutiges Theater stellt an Schauspielerinnen und Schauspieler physisch viel extremere Herausforderungen als noch vor fünfzig oder siebzig Jahren. Wie weit kann, wie weit darf Theater gehen? – Wann gerät Ihre Unversehrtheit als darstellender Mensch auf der Bühne – seelisch und körperlich – in Gefahr?

Ursina Lardi: Für mich kann es gar nicht weit genug gehen. Ich fürchte nicht um meine körperliche und seelische Unversehrtheit, da weiss ich mich schon zu schützen. Aber ich möchte immer so weit kommen, wie es der Inhalt verlangt. Ich kenne da kaum Grenzen, oder besser gesagt, ich möchte keine kennen.

M&T: Neugier als Triebfeder?

Ursina Lardi: Es kann immer nur darum gehen, wohin mich dieser oder jener Inhalt trägt. Was verlangt er von mir? Es ist ja jedes Mal eine Begegnung von mir mit dem Text, den ich spreche, mit der Figur, die ich spiele, mit den PartnerInnen, mit denen ich zusammen auf der Bühne stehe. Dabei herauszufinden, was alles möglich ist, treibt mich an. Und da finde ich es ganz wunderbar, dass es nicht mehr so ist wie vor fünfzig oder sechzig Jahren, als man sich bloss gesittet gegenübersass und parlierte. Heutiges Theater ist da für mich nur ein Gewinn.

M&T: Ist zeitgenössisches Theater den heutigen Menschen und ihren Fragestellungen zum Leben näher?

Ursina Lardi: Jede Zeit entwickelt das Theater, das sie braucht, denke ich, aber ich philosophiere nicht gerne so allgemein. Und ich sitze auch nicht da und überlege, was nun den Menschen von heute nahe ist. Vielmehr frage ich mich: Was möchte ich machen? Was interessiert mich? Das wird dann auch jemand anderen interessieren. Das ist meine Erfahrung.

M&T: Was kann Ihr Interesse an einem Projekt wecken?

Ursina Lardi: Zum einen die Menschen, die daran beteiligt sind. Und wenn ein Text vorhanden ist, natürlich der Text, das Stück, beim Film das Drehbuch. Die Rolle, die Figur, der Text muss mich einfach länger beschäftigen als ich brauche, um ihn zu lesen. Es sollte etwas sein, mit dem ich nicht sofort fertig werde.

M&T: Es muss noch eine Frage, ein Geheimnis bewahren …?

Ursina Lardi: … ja, genau. Ich muss mich ja lange damit auseinandersetzen, vor allem beim Theater, die ganze Zeit der Proben, der Vorstellungen. Deswegen, je komplexer etwas ist, desto länger kann man sich damit beschäftigen, ohne sich zu langweilen. Das ist schon ein wesentlicher Faktor, wenn man eine Produktion etwa an der Schaubühne in Berlin über hundert Mal spielt. Das ist ja auch Lebenszeit – und da möchte ich anregend beschäftigt sein.

M&T: Wie haben Sie Salzburg im Sommer erlebt? Es war ja fast surreal, wie dort – gleichsam auf einer kulturellen Insel – Festspiele doch noch stattfanden. Und dann noch zusätzlich aufgeladen durch diese ungeahnte Aktualität des Themas Tod.

Ursina Lardi: Wir haben relativ normal gearbeitet in Salzburg. Auch die Bestuhlung mit jedem zweiten Platz, der besetzt war, war eine Einschränkung, mit der man durchaus entspannt umgehen kann, die nicht wirklich eine Beeinträchtigung bedeutet. Dass dies im Sommer nur eine abgespeckte Form der Festspiele war, habe ich nur am Rand mitbekommen. Wir waren einfach nur froh, dass überhaupt etwas stattfindet, dass es zu dieser Premiere kam und dass die Aufführung danach auch in Berlin gespielt werden konnte. Die besonderen Umstände, unter denen diese Produktion entstand, zum Beispiel die angespannten Sicherheitsvorkehrungen und die Kontaktreduktion, hat eher die Konzentration und die Fokussierung auf die Inhalte verstärkt.

M&T: Wie nahe ging Ihnen das Schicksal, das unausweichliche Ende dieser Frau? Wie viel Nähe geht da noch, darf überhaupt sein? Und umgekehrt, wie viel Distanz mussten Sie als Schauspielerin in dieser Rolle bewahren, die ja in die extremste existenzielle Situation eines andern Lebens führt, in eine ganz unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Tod?

Ursina Lardi: Es geht ja in jeder Rolle um das Spielen mit Nähe und Distanz. Hier ist es auch so: Ich lasse alles zu, ich schütze mich nicht künstlich. Manchmal bin ich Helga Bedau ganz nahe, manchmal weniger, jeden Abend vielleicht auch an einer anderen Stelle des Stückes.

M&T: Eine bedrückende Situation – wie fanden Sie nach einer Vorstellung in das eigene Leben zurück?

Ursina Lardi: In der Vorstellung arbeiten wir mit vorproduzierten Videos, ich weiss also, was auf mich zukommt und kann damit umgehen. Ich empfand eher die Situation, mit ihr dieses Video zu drehen als extrem, auch die Gespräche in der Phase des Kennenlernens. Aber es war nie so, dass es mich gequält hätte. Frau Bedau geht offen und natürlich mit der unausweichlichen Tatsache ihres nahen Sterbens um. Dass sie ein so entspanntes Verhältnis zu ihrer Situation hat und dem Tod so klar, nüchtern und würdevoll ins Auge schaut, macht es auch für die Menschen einfacher, die sie umgeben. Natürlich war es oft traurig, aber nicht quälend. Wir haben auch viel gelacht.

M&T: Sprechen wir noch von einer ganz anderen Produktion: «Unendlicher Spass» nach dem berühmten und überaus umfangreichen Roman von David Foster Wallace war ein grosser Erfolg, auch beim Berliner Theatertreffen 2019. Nun kommt diese Fassung von Thorsten Lensing im Januar noch einmal auf die Bühne, nach Chur. Waren Sie mitbeteiligt am Schaffensprozess einer dramaturgisch tauglichen Form dieser so komplexen Romanvorlage?

Ursina Lardi: Die Fassung ist von Thorsten, er durchkämmt und durchforstet das Material im Vorfeld monatelang und eignet sich auf diese Weise ein tiefes Wissen über den Text an. Aber er ist immer offen für Vorschläge, die von den SchauspielerInnen und seinen Dramaturgen kommen, er tritt da schon vor den Proben in den Dialog mit uns. Die Aufführung entsteht dann in einem partnerschaftlichen und sehr freien Probenprozess. Wir arbeiten immer in zwei Probenblöcken. Zu Beginn der Proben zu «Unendlicher Spass» hatten wir noch viel mehr Textmaterial, beinahe das Doppelte, dann sortierten wir im ersten Probenblock vieles aus. Es gehört zu unserer Arbeitsweise, Dinge immer wieder in Frage zu stellen, die Textfassung im Spiel zu überprüfen, sie zu ergänzen, zu straffen.

M&T: Und wie offen laufen die Aufführungen ab? Ändern Sie im Lauf einer Vorstellungsserie noch Dinge?

Ursina Lardi: Ja, selbst nach der Premiere haben wir noch die eine oder andere Szene umgestellt, Texte gekürzt. Auch das gehört zu Thorsten Lensings Arbeitsweise, dass er sich die Möglichkeit, etwas zu verändern stets offen hält.

M&T: Wie schafft man es, eine derart komplexe, vielschichtige Vorlage auf die Bühne zu bringen, dass sie vom Publikum als gespiegeltes Leben wahrgenommen wird und nicht als verkopftes Intellektuellentheater?

Ursina Lardi: Die Textfassung muss lebendig, komplex, fundiert sein und den Schauspielern muss es gelingen, ins Spielen zu kommen. Beides gehört dazu, damit der Abend gelingt: die seriöse Vorarbeit wie das intensive und freie Proben. Thorsten sorgt dafür, dass die Fassung bei Probenbeginn alle Chancen in sich trägt. Aber dann sind wir dran ...! (Lacht) Dann kann man hoffen, dass alles, was man angelegt hat, auch zusammenfindet und der Abend abhebt!

M&T: Wie können Sie als Schauspielerin eine solche Aufführung, eine solche Rolle über lange Zeit präsent halten, gewissermassen dauerhaft memorieren? Oder bedarf es mit jedem Probenprozess eines Neuanfangs?

Ursina Lardi: Man fängt nicht jedes Mal bei null an, die Basis steht, mit etwas Vorarbeit ist alles wieder da. Es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit Texte von Vorstellungen memoriere, die gerade nicht gespielt werden. Wenn ich weiss, ich spiele etwas jetzt wochen- oder monatelang nicht, dann lege ich es innerlich zur Seite.

M&T: Sie können also eine innere Schublade öffnen, in welcher Sie Texte und Aufführungen gleichsam aufbewahren können?

Ursina Lardi: So etwas in der Art. Ich lege das zwar innerlich zur Seite – aber es ist nicht wirklich weg. Bei Sachen, von denen ich weiss, sie werden nie wieder gespielt, kann ich nach kürzester Zeit kein Wort mehr. Es gibt Kollegen, die locker noch aus Rollen zitieren können, die sie vor dreissig Jahren gespielt haben – ich kann das nicht. In dem Moment, wo etwas abgespielt ist, wird es gelöscht. Aber so lange ich weiss, eine Produktion wird wieder gespielt, wird sie woanders abgelegt. Und es ist auch gut, etwas zeitweise zur Seite zu legen. Im Nicht-Drandenken entstehen Dinge, die ganz produktiv sein können. Und wenn ich weiss, etwas wird nächste Woche wieder gespielt, gehe ich einige Tage davor den Text durch, um ihn in meinem Kopf wieder präsent zu haben. Manchmal gibt es noch eine Probe, manchmal auch nur ein Durchsprechen – je nachdem, wie lange die Vorstellung zurückliegt. Aber so richtig zum Leben erweckt wird es dann erst wieder bei der Vorstellung! ■

«Im Nicht-Drandenken 
entstehen Dinge, die ganz produktiv sein können»

«Unendlicher Spass»

Theater Chur, 30. Januar 2021, 18.00 Uhr Inszenierung Thorsten Lensing, nach dem Roman von David Foster Wallace www.theaterchur.ch Weiter
Ausgabe: 01 - 2021