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Bild: Fabienne Bühler

Marie- Claude Chappuis schöpft Energie in «ihrer» Fribourger Landschaft.

 

Die Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis und ihr «Festival du Lied» trotzen dem Coronavirus
«Dann bin ich glücklich!»
Inmitten von Absagen und Resignation stemmte sich Marie-Claude Chappuis dagegen. Die Fribourger Mezzosopranistin suchte 
nach Möglichkeiten, ihr traditionsreiches, kleines, aber stets hochkarätiges «Festival du Lied» für diesen Sommer zu retten. 
Sie fand die Idee: ein Drive-in-Festival im idyllischen Charmey. Zusammen mit einigen ihrer Künstlerfreundinnen und -freunde. 
Und mit einem vielfarbigen Programm.
Charmey im Greyerzerland – Kulisse und Spielort für das Drive-in-Festival.

Andrea Meuli

«Ich möchte eine Brücke zur Normalität schlagen»

Es waren die Wochen des tiefsten Lockdowns in der Schweiz. Alles war he­runtergefahren worden. Das Leben sozusagen eingefroren. Auch die letzten mutigen oder verwegenen Kulturveranstalter waren gezwungen, alle ihre schönen Pläne, ihre schon geprobten Theater- und Opernaufführungen oder ihre Konzerte ersatzlos zu streichen. Das tückische Virus herrschte über das Land, zwang alle nach Hause – und so manche in die seelische Depression. Dazu trug bei, dass keine Kunst mehr erlebbar war. Kein Austausch bei einer Vernissage, kein Schwelgen in einem romantischen Orchesterrausch, keine Auseinandersetzung mit einem herausfordernden Theatertext. Alles war von einem Tag auf den andern nicht mehr möglich. Ersatzlos gestrichen.

Diese gespenstische Kulturleere beförderte schnell einmal das Gefühl, unter Entzug zu leiden. Unter dem Entzug jener Freiheit, sich unbeschwert überall bewegen zu können, nach Lust und Laune zu reisen. Dem waren alle ausgesetzt. Besonders hart traf diese Veranstaltungs-Guillotine jedoch die Künstlerinnen und Künstler, denen von einem Tag auf den andern alle Engagements wegbrachen. Alle schönen Pläne, worauf sie sich teils Jahre schon gefreut hatten, lösten sich in nichts auf. Existenzielle Ängste mischten sich bald einmal belastend in diesen Depressions-Cocktail. Wie sollte es weitergehen? Wann würde man überhaupt wieder vor einem Publikum singen oder spielen dürfen? Alle die improvisierten und gestreamten Balkon- und Wohnzimmerkonzerte konnten als erste spontane Reaktion den Schock vielleicht kurzfristig etwas abmildern. Doch mehr als eine Beschönigung trostloser Kulturleere konnten sie nicht sein.

Auch die Fribourger Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis traf dieser von niemandem erwartete Einschnitt schmerzhaft. Die schönsten Aufgaben, auf die sie sich monate- und jahrelang gefreut hatte, waren urplötzlich weg. Ob ein Mozart-Requiem mit Roger Norrington in der Berliner Philharmonie, Bachs H-moll-Messe mit René Jacobs an mehreren Orten oder ein Gastspiel in der Titelrolle der gefeierten Produk­tion von Purcells «Dido and Aeneas» der Berliner Staatsoper bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Auch die ersten Sommerfestspiele gaben auf – allgemeine Ratlosigkeit, ein traurig lethargisches Grundgefühl machten sich breit.

Dem wollte sich Marie-Claude Chappuis nicht kampflos ergeben. Sie dachte weiter und suchte nach einer Möglichkeit, Künstler und Publikum doch noch irgendwie zusammenzubringen: «Ich hatte mir überlegt: Wie können wir etwas machen, ohne dadurch das Publikum in Gefahr zu bringen. Da kam mir plötzlich der Gedanke, es könnte so etwas wie ein Drive-in-Kino sein. Aber es wird dabei kein Film gezeigt, sondern Künstler treten auf einer Bühne tatsächlich auf. Das wird auf eine grosse LED-Wand übertragen, damit die Leute uns Künstler auf einem Bildschirm besser sehen können. Und natürlich bedarf es auch einer qualitativ hochwertigen Tonanlage – sonst könnten solche Konzerte keine Freude bereiten.»

Die Mezzosopranistin begann bei Freunden umzuhören, ob ihre Idee Unterstützung finden könnte. Und sie sicherte sich bei jenem Techniker ab, der ihre im letzten Jahr so erfolgreiche CD «Au coeur des alpes» aufgenommen hatte. Als dieser spontan begeistert reagierte und ihr auch bestätige, das ganze Unterfangen sei technisch bestens machbar, bedeutete das sozusagen den Startschuss, weiter zu planen und mit der RTS auch Radio und Fernsehen der Romandie in dieses Projekt einzubeziehen. «Es hat mich so gefreut, dass alle Reaktionen spontan positiv waren», erinnert sich Marie-Claude Chappuis.

Anfänglich war geplant, in Fribourg zu spielen, doch dann erwies sich das idyllische Charmey im Greyerzerland als idealer Ort, um dieses Drive-in-Festival zu realisieren. Natürlich gab es auch jene Leute, die ob eines solchen Projekts die Nase rümpften. Ebenso klar, dass die Tonqualität nicht jener in einem akustisch perfekten Konzertsaal standhalten kann, «aber mir ist es wichtig, wieder einen Schritt in Richtung Livekonzerte zu tun», wie sich Marie-Claude Chappuis erklärt. Ohne programmatisch in seichte Gefilde abzudriften, um sich einem möglichst breiten Publikum anzubiedern. «Es soll ein vielfältiges Programm sein, wir spielen ohne Pause und nicht viel länger als eine Stunde – die Leute sitzen ja in ihrem Auto… Dabei bleibe ich dem Grundgedanken des Festivals treu: dem Kunstlied eine künstlerisch hochrangige Plattform zu bieten. Wenn auch etwas breiter gefasst: So wird etwa in einem Konzertprogramm Maurice Steger mit seinen Blockflöten die Rolle des Sängers übernehmen.»

Noch einen anderen Aspekt streicht die Mezzosopranistin heraus: «Es ist mir wichtig, dass dieses Festival zweisprachig ist, dass es an der Schwelle zwischen französischer und deutscher Schweiz stattfindet. Und dass es auch Künstler der Romandie und der Deutschschweiz vereint. «Ich möchte eine Brücke zur Normalität schlagen – auch wenn die Bedingungen nicht in jedem Detail ideal sind.»

Auf jeden Fall bietet dieses kleine, aber feine Festival – was es schon immer war – eine vielfarbige Palette an musikalischen Sommerabendfreuden. Vom erwähnten Auftritt des Blockflötisten Maurice Steger über ein Programm mit dem Tenor Ilker Arcayürek, dem Pianisten Simon Lepper und dem Geneva Brass Quintet bis zu einem Abend mit Marina Viotti und einem Liedspektrum von Henri Duparc bis Ella Fitzgerald. Begleitet wird die Mezzosopranistin von Christian Chamorel am Klavier, der überdies zusammen mit der Tänzerin Nicole Morel eine Reihe von Felix Mendelssohns «Liedern ohne Worte» interpretiert. Die Sopranistin Rachel Harnisch begibt sich unter dem Titel «Fernweh» auf «eine Liederreise für Quarantänegeplagte», das Stradivari Quartett spielt Haydn und Mendelssohn. Und für eine Quartettfassung von Schuberts «Erlkönig» stösst die Festival-Initiatorin Marie-Claude Chappuis hinzu. Sie gestaltet auch – mit einigen ihrer musikalischen Freunde – den Schlussabend des Festivals. Unter dem Titel «Du récit de la beauté au coeur des alpes» wird mit Gesang, Akkordeon, Alphorn und Laute der Schweizer Nationalfeiertag vorgefeiert. Inklusive mit Schweizer Chorvolksliedern.

Während so mancher Veranstalter in jenen Wochen kultureller Ödnis den Sommer resigniert aufgab, hat sich Marie-Claude Chappuis mit ihrem Festival entschlossen gegen die Lethargie gestemmt und damit ein Zeichen von Optimismus, von Pioniergeist auch, gesetzt: «Wenn dieses Festival ein bisschen Hoffnung zurückbringen kann – dann bin ich glücklich.» ■

 

Drive-in-Festival du Lied

25. – 31. Juli 2020

Charmey,

Parking des remontées mécaniques

Konzertbeginn: 21.00 Uhr

Detailprogramm und Karten:

Ausgabe: 07 - 2020