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musik

Camille Blake

Robin Ticciatti: «Durchhörbarkeit und klangliche Wärme bleiben für mich immer ein hohes Ziel»

 

Signalement eines Vielgeliebten: Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonieorchester Berlin (DSO) in Lugano, Bern, Luzern und Genf
Britische Charmeoffensive
Robin Ticciati gehört zu jener Generation von Dirigenten, die jung ins Rampenlicht gerückt wurden und international umworben wurden. Seit 2014 ist der Brite musikalischer Chef des traditionsreichen Festivals von Glyndebourne. Und seinen Vertrag mit dem Deutschen Symphonieorchester in Berlin hat er im vergangenen September bereits bis 2027 verlängert. Mit diesem Orchester wurde er von den Migros-Kulturprozent-Classics zu mehreren Konzerten in die Schweiz eingeladen.

Kai Luehrs-Kaiser

Jetzt kein Wort über Haare! – Wenn das nur so einfach wäre! Als der heute 37-jährige, aus London stammende Robin Ticciati vor dreieinhalb Jahren als Chefdirigent zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) kam, liess man die ganze Stadt mit seinem lockigen Konterfei plakatieren (Hätten sie das auch mit einem Glatzkopf gemacht ...?!). In jeder Saisonbroschüre sorgt eine unendlich lange Fotostrecke mit ihm dafür, dass das Büchlein auch möglichst durchgeblättert wird. Und sei es auch nur, um sich darüber aufzuregen, dass Ticciati mal mit ausgekipptem Popcorn-Eimer, mal auf der Strasse gehend, dann wieder die Hände faltend abgebildet wird.

Keine Frage, wir haben es mit einem geborenen Darling des Publikums zu tun. Man sieht es. Die Ära Ticciatis in Berlin wurde denn auch mit Aplomb begonnen. Der Dirigent revanchierte sich, indem er brav alle möglichen neuen Formate von seinen Vorgängern Tugan Sokhiev und Kent Nagano übernahm. Zum Beispiel den «Symphonic Mob», ein alljährliches Gross-Event mit Laienmusikern, jeweils stattfindend in einer Berliner Einkaufsmall. Ticciati enterte mit dem DSO nächtliche Fabrikhallen, öffnete digitale Welten und bespielt natürlich auch regelmässig das Stammhaus der Philharmonie. Er und sein Förderer Simon Rattle, beide lockig, können als Hauptvertreter einer britischen Charmeoffensive der Dirigentenwelt angesehen werden. Grundsympathische Leute, scheinbar ohne Berührungsscheu. Miesepetrigkeit, früher ein Kennzeichen berühmter Dirigenten, gehört dank ihnen der Vergangenheit an. Was öffentliche Interviews anbetrifft, so erfährt man allerdings von Ticciati – ähnlich wie von Rattle – oft herzlich wenig. Da dominiert die britische Kunst, auf hochmögende Weise karg zu bleiben. Sie halten sich bedeckt.

Musikalisch gibt es viel von dem Mann zu schwärmen. Sein ästhetisches Profil unterscheidet sich von demjenigen Rattles ganz wesentlich. Wo dieser gerne al fresco dirigiert und das Orchester aufdrehen lässt, bleibt Ticciati – sogar bei ausladenden Werken – ein klanglich stets dosierender, mit kleinen Phiolen hantierender Feingeist. «Durchhörbarkeit und klangliche Wärme bleiben für mich immer ein hohes Ziel», sagt er. Davon ist nur eines dieser Merkmale echt britisch, nämlich: Wärme. Das Transparenz-Ideal hingegen zeigt ihn als Nachfolger all jener Harnoncourts, Gardiners und auch Boulez’, die von Spezialinteressen herkamen.

Geradezu überwältigen konnte Ticciati mit seiner Arbeit beim Scottish Chamber Orchestra, dem einzigen Ensemble, das er über längere Zeit geleitet hat. Hingegen scheinen die Bande zu dem von ihm 2004 mitgegründeten Aurora Orchestra inzwischen gelöst. In Edinburgh spielte Ticciati in kleiner Besetzung zum Beispiel alle vier Schumann-Symphonien ein: mit einer Delikatesse, Emphase und kammermusikalischem Zauber, der seinesgleichen sucht. Der kleine Zyklus – mit welchem er die Beziehungen zum Label Linn Records festigte – zählt zu den besten Schumann-Aufnahmen der letzten Jahre, ja dieser Werke überhaupt.

Ticciati gehört – ähnlich wie seine Generationskollegen François-Xavier Roth, Pablo Heras-Casado und Yannik Nezet-Séguin – einer Schule von Universalisten an. Sie dirigieren sozusagen alles, und sogar noch mehr. So hat Ticciati von der Renaissance bis zur Gegenwart alles Mögliche im Programm. Auf die Frage, was er nie dirigieren würde, beschränkt er sich auf die Verlegenheitsantwort: «Schlechte Musik!» – was immer das sein mag. In der laufenden Spielzeit reicht das von ihm dirigierte Repertoire mit dem Deutschen Symphonieorchester von Purcell bis Birtwistle, von Mozart bis Schnittke, von Rossini bis zu Julian Anderson und Ondrˇej Adámek.

Geboren 1983 als Enkel beziehungsweise Urenkel der italienischen Komponisten Niso und Francesco Ticciati, standen Robins Anfänge im Zeichen musikalischer Frühreife. Er war ursprünglich Geiger, Pianist und Schlagzeuger – Letzteres wie Rattle, kam aber bereits im jugendlichen Alter von 15 Jahren zum Dirigieren. Und zwar im Rahmen eines britischen Education-Projekts, dem National Youth Orchestra of Great Britain. Hier gewann er 2002, also 19-jährig, die Auszeichnung als «Most Outstanding Musician of the Year».

Rasch geriet er ins Fahndungsvisier vieler Orchester – als Gast. 2005 war er (einspringend für Riccardo Muti) jüngster Dirigent in der Geschichte der Mailänder Scala. Im Jahr darauf erfolgte mit Mozarts «Il sogno di Scipione» das Debüt bei den Salzburger Festspielen. Für kurze Zeit ging er als Chefdirigent zum südschwedischen Gävle Symfoniorkester, wo es kaum einen Vorgänger lange gehalten hat. Ticciati blieb vier Jahre. Parallel geschah etwas Wichtiges: Er wurde Musikdirektor von «Glyndebourne on Tour», dem Tournee-Ableger des berühmten Opernfestivals in der Nähe von London. Von hier aus schwärmte er unversehens zu zahllosen nationalen und internationalen Orchestern aus: vom Royal Liverpool bis zum Los Angeles Philharmonic Orchestra, vom Mahler Chamber Orchestra bis zur Staatskapelle Dresden, nach Rom, Rotterdam sowie zum Orchestra of the Age of Enlightenment. «Die Kunst besteht nicht darin, eingeladen zu werden, sondern wieder eingeladen zu werden», kommentiert er selbstbewusst. 2014 zahlte es sich aus, er erhielt seine grosse Chance in Glyndebourne – als Nachfolger von Vladimir Jurowski. Hier wirkt er seitdem als Musikdirektor. Schon sein «Rosenkavalier» im ersten Jahr (mit Tara Erraught und Kate Royal), gefolgt von der «Entführung aus dem Serail» (mit Sally Matthews) wurden auf DVD veröffentlicht. Mit seinem kammerfeinen Ansatz konnte er jedes Mal punkten. Ticciati versteht es, auch grosse Partituren detailgenau zu durchleuchten, ohne dass sie mager, skelettiert oder anämisch werden.

Wem bewusst ist, wie gern man in Grossbritannien eigene Talente fördert, wird sich über die Vielzahl der Möglichkeiten, die ihm hier gegeben wurden, nicht wundern. So zeigte sich, dass etwa beim Scottish Chamber Orchestra niemand seit Charles Mackerras das Ensemble so sehr wachküssen und zu singulären Leistungen animieren konnte wie er. Es begann auf CD noch eher unauffällig mit Berlioz’ «Nuits d’été», um dann mit einigen Haydn-Symphonien für eine kleine Sensation zu sorgen.

So durchwärmt, durchpulst und quicklebendig hatte man diese Werke lange nicht gehört. Es folgten höchst bemerkenswerte, ja überragende Gesamtaufnahmen nicht nur der Schumann-, sondern auch der vier Brahms-Symphonien. Die Ära in Edinburgh, die bis 2018 dauerte, wird man als Ticciatis musikalisch glücklichste Zeit bezeichnen können – bislang. Denn die Ankunft in Berlin, so herzlich man ihn willkommen hiess, war doch belastet von der Tatsache, dass hier sehr andersartige Aufgaben auf ihn warteten.

Als Nachkriegsgründung ist man beim heutigen DSO traditionell für neue, zeitgenössische Werke zuständig. Auch die Vergleichsmassstäbe sind gnadenlos. Denn mit seinen Chefs hatte das ursprüngliche RIAS-Symphonieorchester immer, man möchte fast sagen: mehr Glück als Verstand. Sowohl Ferenc Fricsay wie auch der junge Lorin Maazel und der noch jüngere Riccardo Chailly zogen mit dem RSO Berlin (wie es nun hiess) zeitweilig sogar an den Berliner Philharmonikern vorbei. Mit Ticciatis direktem Vorgänger, Tugan Sokhiev, war es sogar gelungen, einen unbekannten Youngster so unerhört aufzubauen und zu profilieren, dass der sich vorzeitig als Chef zum Bolschoi Theater nach Moskau verabschiedete.

Die Herausforderung, vor der Ticciati in Berlin steht, wurde nirgends deutlicher als bei einem Brahms-Zyklus. Dabei verstärkte er von Werk zu Werk die Besetzung des Orchesters, um der Entwicklung von Brahms als Romantiker zum Spätromantiker adäquaten Ausdruck zu verleihen. Unerhört spannend gerieten die ausgedünnten, aber energetisch erfrischten und progressiv wirkenden Symphonien Nr. 1 und 2. Man hörte die Werke wie zum ersten Mal. Dann aber, mit den dicker besetzten, um die Hüften fülligeren Nummern 3 und 4, trat eine gewisse Ernüchterung ein. Man sah: Der helle Klang dieses Orchesters passt zu den Temperaturvorstellungen dieses Dirigenten nur bedingt. Und wichtiger: Ticciati wird umso besser, je kleiner die Besetzung ist. Genau damit kommt er in Berlin – bei einem Symphonieorchester, das in allen Bereichen glänzen will – nicht immer weit genug. Er muss sich noch finden. Und hat auch Zeit dafür, obwohl ihm die Gesundheit schon manch Schnippchen schlug. Kaum hatte Ticciati 2016 in Berlin losgelegt, da erlitt er einen schweren Bandscheibenvorfall. Dieser zwang ihn, «fast ein Jahr lang aus dem beruflichen Alltag auszusteigen». Ein persönlicher Shutdown, symptomatisch genug für den ganzen Berufsstand, dem er angehört.

Denn: Klassik und Rückenprobleme, das ist ein altes Thema. Fehlendes Gleichgewicht, einseitige Belastung durch das Halten eines Instruments, diese Dinge führen in diversen Stimmgruppen immer wieder zu Ausfällen. Es liegt an fehlender Elastizität und zu vielem Sitzen; doch es tritt als Krankheitsbild auch bei Dirigenten und sogar bei Sängern auf. So wurde die Sopranistin Diana Damrau in den letzten Jahren durch zwei Bandscheibenvorfälle mehrfach ausser Gefecht gesetzt. Seit seiner Krise scheint Ticciati noch einmal an Gewicht verloren zu haben. Er ist heute ein – durch den Frack gut kaschierter – schöner Strich in der Landschaft.

Dennoch, bei Robin Ticciati handelt es sich unzweifelhaft um eines der Grosstalente der heutigen Dirigentenszene – und das ohne vorzeitige ‚Verheiz-Effekte’, wie man sie etwa bei Gustavo Dudamel und teilweise auch Andris Nelsons beobachten kann. Geben wir ihm Zeit. Beim klassisch-romantischen Kernrepertoire – gerade auch bei Beethoven, von dem er auf seiner Tournee durch die Schweiz das Violinkonzert dirigiert (mit Isabelle Faust), ausserdem Berlioz’ «Symphonie fantastique» – gelingen ihm immer wieder bahnbrechend schöne Deutungen. Erkämpft sind sie gewiss. Musiker, so lernen wir, halten für uns den Rücken hin. Wir lehnen uns zurück. Und dürfen es, geniesserisch, bei einem Mann wie Robin Ticciati.

 

Migros-Kulturprozent-Classics

Deutsches Sinfonie-Orchester Berlin

Robin Ticciati, Leitung

Isabelle Faust, Violine

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61

Hector Berlioz: Symphonie fantastique op. 14

Bern, Kultur-Casino, 17. März 2021, 19.30 Uhr

Luzern, KKL, 18. März 2021, 19.30 Uhr

Genf, Victoria Hall 19. März 2021, 20.00 Uhr

Informationen und Karten: www.migros-kulturprozent-classics.ch

Zusätzlich geplantes Konzert: Lugano, LAC Sala Teatro 16. März 2021, 20.30 Uhr

Informationen: luganomusica.ch

Stand 20. Januar 2021

Ausgabe: 03 - 2