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Bild: Tiroler Landestheater Innsbruck

Brigitte Fassbaender: «Wer es als Liedersänger übertreibt mit Abstraktion und Intimität, wird eindimensional bleiben.»

 

Brigitte Fassbaender gibt einen Meisterkurs bei der Schubertiade in Schwarzenberg
Bitte nicht 
säuseln!
Ihr Rückzug von der Bühne bedeutete keinen Abschied von der Szene. Im Gegenteil: Brigitte Fassbaender blieb gefragt wie eh 
und je. Zum Beispiel mit ihren Meisterkursen für junge Sängerinnen und Sänger. Im M&T-Gespräch äussert sich die grosse 
Mezzosopranistin über den heutigen Sängernachwuchs, ihre Schwierigkeiten bei Franz Schubert sowie den Charme ihres 
Lebensdirigenten Carlos Kleiber.

Kai Luehrs-Kaiser

«Selbstüberschätzung ist dem Sänger immanent»

M&T: Frau Fassbaender, seit Ihrem Bühnenabschied 1995 hatten Sie als Regisseurin, Schauspielerin, Intendantin, Librettistin und Gesangslehrerin Erfolg. Haben Sie mit einem derart glücklichen Berufswechsel gerechnet?

Brigitte Fassbaender: Nein! Vor allem habe ich nicht damit gerechnet, dass ich das so lange würde tun können – selbst heute noch, nach meinen 13 Jahren als Intendantin in Innsbruck. Ich hatte mir schon erhofft, etwas mehr zur Ruhe zu kommen. Ist mir nicht passiert! Ich nenne mich gern unheilbar gesund und heillos kreativ. Ich hab das doppelte Glück einer robusten Gesundheit und reichhaltig kreativer Reaktionen. Ich habe nichts zurückgehalten. Ich habe Glück.

M&T: Sänger unterrichten Sie seit vielen Jahrzehnten. Wie lange genau?

Brigitte Fassbaender: Ich habe schon ganz früher, als ich selber noch studierte, die Schüler meines Vaters Willi Domgraf-Fassbaender jeweils vorbereitet und ihm beim Unterrichten assistiert. Meine Laufbahn als Lehrerin ist eigentlich länger als meine Laufbahn als Sängerin.

M&T: Wie hat sich der Nachwuchs im Lauf dieser Jahre verändert?

Brigitte Fassbaender: Hm, ich stelle heute oft Konzentrationsschwächen bei den Studenten fest. Ich merke, wenn ich das offen sagen darf, manchmal eine gewisse Fantasielosigkeit in der Gestaltung. Und zu wenig Risikobereitschaft bei der Interpretation. Es fehlt ein Wille zum Ausdruck und zum Experimentieren. Also dazu, bis an die eigenen Grenzen zu gehen. Auch mit dem Auswendiglernen ist es schlechter geworden.

M&T: Tatsächlich? Wurde nicht früher auch oft aus Noten gesungen?

Brigitte Fassbaender: Nein, das wäre nicht denkbar gewesen. Man sagte damals, und das stimmt ja auch, dass man nicht souverän genug in der künstlerischen Leistung ist, wenn man an Noten klebt oder am Text. Es gab auch damals einige Kollegen, die aus den Noten sangen, das stimmt. Zum Beispiel die von mir sehr geschätzte Margaret Price. Ich persönlich hätte es nicht gemocht. In der Oper muss man schliesslich auch auswendig singen. Allerdings sollte ich hinzusetzen, dass wir Sänger uns damals mehr Praxis und mehr Routine aneignen konnten, denn wir gaben viel mehr Liederabende. Ich habe damals zwei bis drei neue Liedprogramme pro Jahr gelernt. Das übt.

M&T: Worauf führen Sie es zurück, dass ausgerechnet solche technische Fähigkeiten nachlassen?

Brigitte Fassbaender: Ich kann nicht anders als es auf die beständige Internet-Beschäftigung zurückzuführen. Nach meiner Erfahrung surfen die Studenten die Nächte durch – und sind dann morgens müde. Es betrifft nicht die grossen Ausnahmeerscheinungen unter den Sängern. Aber das ist immer nur eine kleine Handvoll. Es betrifft die breite Palette verschiedenartiger Sänger, die es geben muss, um allerorten die Arbeit zu tun. Wir bilden schliesslich nicht nur die Stars der Met aus.

M&T: Was Lieder anbetrifft, so könnte man eine wachsende Fremdheit gegenüber den romantischen Texten vermuten. Trifft das zu?

Brigitte Fassbaender: Dass man mit der Lyrik nicht mehr so vertraut ist wie früher, ist ganz klar. Es hilft aber nichts, man muss sie ernst nehmen. Und ich stelle fest, dass sich viele durchaus für die Lyrik interessieren. Ich sehe mich sogar in der Pflicht, für die Entdeckungen, die man hier machen kann, stärker zu werben und einzutreten. Es ist eine unübersehbar weite Landschaft, auch wenn man sich nicht mehr mit allem identifizieren kann. Der frühe Schubert hat Texte vertont, die selbst mir schwer über die Lippen gehen. Genauso Liszt, den ich sonst liebe. Liszts Melodramen sind unsprechbar. Ich jedenfalls krieg’s nicht hin.

M&T: Einige Sänger sagen: Der Schlüssel für Interpretationen liegt grundsätzlich im Text. Ist das richtig?

Brigitte Fassbaender: Nein, es ist eher ein Zusammenspiel. Der Text hat im Regelfall die Musik inspiriert. Aber man kann beides nicht voneinander trennen. Text und Musik sind – zumindest für mich – immer gleichwertig.

M&T: Wie würden Sie die spezifischen Schwierigkeiten bei Schubert beschreiben?

Brigitte Fassbaender: Schubert war meine ganz grosse Liebe. Und doch muss ich zugeben, dass auch ich ihn als unerhört schwierig empfunden habe. Das liegt daran, dass man bei Schubert sehr allein gelassen ist. Man wird nicht eingehüllt in einen Schwall von Musik. Alles bleibt transparent. Kurz: Man ist nackt. Die Begleitung trägt einen nicht so wie bei Liszt oder Schumann oder Strauss.

M&T: Muss man als Opernsänger im Lied seine Stimme drosseln?

Brigitte Fassbaender: Sie werden sich wundern, aber das glaube ich durchaus nicht. Ich habe immer gefunden, dass man im Lied mit der gleichen Stimme singen muss wie in der Oper. Das bedeutet nicht, dass jeder Opernsänger ein guter Liedersänger ist. Der Unterschied besteht vor allem in einer begrenzteren Tessitura im Lied – ausser bei Strauss. Mit anderen Worten: Ich halte nichts vom Säuseln im Liedgesang. Dies ist eine Tendenz, die erst aus England gekommen ist. Man soll ehrlich zupacken. Wer es als Liedersänger übertreibt mit Abstraktion und Intimität, wird eindimensional bleiben.

M&T: Sie waren eine stilistisch unverwechselbare Sängerin, deren Ausdruckstugenden 
man mit dem Wort «Plastizität» umschreiben könnte. Wären Sie mit dieser Beschreibung einver­standen?

Brigitte Fassbaender: Ja, damit kann ich gut leben. Nur muss ich sagen, dass ich mir über derlei stilistische Fragen damals keinerlei Gedanken gemacht habe. Ich glaube, man tut das nicht, wenn man mittendrin ist. Wenn ich heute Titel von mir zusammenstellen muss, weil mich ein Radiosender darum gebeten hat, wundere ich mich selber darüber, dass die Aufnahmen oft besser sind als ich dachte.

M&T: Was würden Sie von sich empfehlen?

Brigitte Fassbaender: Wenn es sein muss, würde ich die «Winterreise» empfehlen, die ich mit Aribert Reimann gemacht habe. Auch unseren «Schwanengesang», der für mich eine genauso grosse Herausforderung war. Und einiges von Hugo Wolf. Bei der Oper gibt’s eine Arien-CD bei Orfeo, die ist, glaube ich, ganz gut. Den «Rosenkavalier» würde ich empfehlen, weil Carlos Kleiber ihn dirigiert hat. Und dann gibt es, gleichfalls aus München, einen live aufgenommenen «Werther» mit Placido Domingo in der Titelrolle, der mir am Herzen liegt. Vielleicht auch die alte «Hänsel und Gretel»-Aufnahme unter Georg Solti.

M&T: Glauben Sie, dass Ihre Stimme von Anfang war, wie sie war – oder haben Sie jemandem, zum Beispiel Ihrem Vater, nachgeeifert?

Brigitte Fassbaender: Nein, habe ich nicht. Das meiste war Intuition. Ich habe nichts übertüftelt, nichts überintellektualisiert. Jeder Sänger hat ja eine manierierte Phase, würde ich sagen, die hatte ich auch. Sie war aber nicht so lang. Ich hab’s mit Ehrlichkeit versucht, und damit, mich möglichst stark auf die Sachen einzulasen.

M&T: Heute existiert unter Sängern die weitverbreitete Gefahr, über die eigenen Fachgrenzen hinaus zu singen – und zu viel zu tun. Warum ist Ihnen das nicht passiert?

Brigitte Fassbaender: Dieses Problem ist wirklich nicht zu unterschätzen. Es liegt aber nicht unbedingt am Grössenwahn oder an der Verführbarkeit von Sängern, sondern an den Besetzungsmethoden der Opernhäuser. Schon zu meiner Zeit hatte man ein veritables Interesse daran, für eine Rolle den richtigen Typ zu finden. Doch diese Tendenz ist ins Extrem umgekippt. Mit der Folge, dass Sänger von ihrer ganzen Person her oft noch nicht reif sind für die betreffende Partie.

M&T: Was nicht dazu führt, dass man die Besetzungsmethoden ändert?

Brigitte Fassbaender: Nein, denn die nächsten Sänger stehen bereits Schlange. Der Markt ist immer grösser geworden und die Welt kleiner. Es hat sich eine grausame Ausschuss-Politik entwickelt. Wenn ich mich frage, warum ich selber dem nicht zum Opfer gefallen bin, so muss ich sagen: Ich war zu selbstkritisch und zu skrupulös dafür. Ich dachte immer, ich schaff’ das nicht. So habe ich mich vor den schwersten Anforderungen verwahrt.

M&T: Wo lagen bei Ihnen die grössten Versuchungen?

Brigitte Fassbaender: Ich hätte mit einigen italienischen Partien wie Eboli oder Amneris dauerhaft um die Welt reisen können. Das habe ich nicht mitgemacht. Rollen wie Kundry und Ortrud wurden bewusst von mir abgesagt, weil ich meine Stimme für Lieder erhalten wollte. Die Wozzeck-Marie war das einzige echte Risiko, das ich eingegangen bin. Ein paar Träume müssen offen bleiben. Das ist bei mir zum Beispiel die «Fidelio»-Leonore gewesen. Unerklimmbar blieb leider auch Tosca. Ich habe es nicht bereut. Aber es hätte auch mir passieren können. Selbstüberschätzung ist dem Sänger immanent.

M&T: Ihr Lebensdirigent war gewiss der grossartige Carlos Kleiber. Wer sonst?

Brigitte Fassbaender: Ich würde drei nennen: Carlos Kleiber, Rafael Kubelik und Carlo Maria Giulini. Kubelik war ein grandioser Mensch ohne alle Mätzchen, der aus einer tiefen Innenschau heraus musizierte. Was mir sehr gefiel. Mit Giulini habe ich leider nur einige Aufnahmen gemacht, darunter das Verdi-Requiem, den «Trovatore» und Mahlers «Lied von der Erde». Er hat die Sänger als Musiker anerkannt. Ein ganz herrlicher Dirigent.

M&T: Konnte Carlos Kleiber, ein Exstatiker, Sänger überhaupt beeinflussen – oder schwebte er über den Dingen?

Brigitte Fassbaender: Carlos Kleiber war ein Mann, der immer zu 1000 Prozent arbeitete und das Letzte gab! Bei jeder Vorstellung. Es gab keine Sekunde Routine. Jede Vorstellung wurde wie eine Premiere behandelt. Man sass auf einem Pulverfass. Ausserdem war der Mann unglaublich schön anzusehen, wenn er dirigierte. Er veränderte sich schlagartig und schien, wie Sie andeuten, nicht mehr von dieser Welt. Er verschwand aber nie mit dem Kopf in der Partitur, sondern war immer ganz bei uns auf der Bühne. Von allerhöchstem Charme! Und von hinreissender Intensität. So sehr, dass ich noch heute nicht davon reden kann, ohne sofort ins Schwärmen zu geraten.

M&T: Mit Carlos Kleiber haben Sie den «Rosenkavalier» von Richard Strauss aufgeführt – ein Komponist, dessen Lieder Sie erst relativ spät entdeckten. Warum so spät?

Brigitte Fassbaender: Es liegt daran, dass ich mir grundsätzlich immer Zeit gelassen habe – selbst mit Schubert. Tatsächlich fand ich irgendwie nie recht die Zeit, mich mit den 179 Liedern von Strauss zu beschäftigen. Erst jetzt habe ich das nachgeholt, in Gestalt einer Gesamtedition aller Strauss-Lieder. Dabei singen Künstler wie Michelle Breedt und Juliane Banse bis hin zu Markus Eiche, Martin Mitterrutzner und Christian Elsner. Ich selber habe die Melodramen gesprochen. Es ist eine 9 CD-Box und mein persönliches Geburtstagsgeschenk an den Komponisten – zum 150. Geburtstag.

M&T: Bei Ihrem Meisterkurs bei der Schubertiade Hohenems entscheiden Sie grundsätzlich selber, wer zugelassen wird. Warum machen Sie sich eigentlich diese Arbeit?

Brigitte Fassbaender: Ich lass mir halt nicht gerne etwas vorsetzen. Sondern will, wenn ich darf, alles selbst entscheiden. Dabei gehe ich nicht nur nach Können, sondern auch nach dem Timbre. Wenn der Schwerpunkt Lied ist, könnte ich zum Beispiel keine Brünnhilden-Stimmen gebrauchen. Stattdessen ist klar, dass ich bei denen, die angenommen wurden, von vorn­-
herein positiv gestimmt bin und mich auf die Schüler freue. Ich finde das wichtig.■

«Ich habe nichts übertüftelt»

Schubertiade. Die M&T-Serie

Die Schubertiade hat sich als eine der ersten Adressen für Kammermusik etabliert. Und dies – mit den verschiedenen Konzertzyklen und Festivalwochen in Hohenems und Schwarzenberg – gleich mehrfach sowie über das ganze Jahr verteilt. M&T begleitet das traditionsreiche Vorarlberger Festival mit kammermusikalischem Weltfok ... Weiter
Ausgabe: 07/08 - 2014