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musik

Bild: Susanne Diesner

Starke Emotionen ohne Ballast – John Eliot Gardiner mit Giuseppe Verdis Requiem im KKL Luzern.

 

John Eliot Gardiner dirigiert Verdis Messa da Requiem bei den Migros-Kulturprozent-Classics
Betroffenheit statt Theater

Stephan Thomas

Als John Eliot Gardiner 1992 Verdis Messa da Requiem auf die Scheibe bannte, war die Originalklang-Bewegung noch weit davon entfernt, sich vorbehaltlos etabliert zu haben. Natürlich, Harnoncourt hatte längst den Durchbruch geschafft dank seinen Bach-Einspielungen und mit dem Zürcher Monteverdi-Zyklus, es gab die Brüggens und Kuijkens. Breite Akzeptanz fanden die Originalklinger allerdings nur für die Zeit bis etwa 1750. Dort verblieb einstweilen eine Grenze, obwohl nicht wenige Pioniere bereits in die Klassik und darüber hinaus gedrungen waren. Aber Verdis Messa da Requiem? Ein Werk, über das die Meinungen schon gemacht waren wie bei nur wenigen anderen? «Eine Oper im Kirchengewand» hatte es Hans von Bülow genannt, «Verdis beste Oper» andere – nordalpine Verdikte, die bestimmt nicht als freundliche Würdigung von Verdis Schaffen verstanden werden können. Diesen Topos zu knacken, war wagemutig und bedeutete eine der grossen Pioniertaten Gardiners. Sie behält ihren Wert auch in Zeiten, wo selbst Ravels Musik historisch informiert aufgeführt wird.

Dabei sind die Intentionen Verdis in Bezug auf sein Requiem nicht restlos klar. Natürlich wollte er Alessandro Manzoni, der Lichtgestalt des Risorgimento, ein Denkmal zu seinem ersten Todestag setzen. Schöne Trauer im Sinne Schillers könnte das sein wollen, wonach nur «das Gemeine klanglos zum Orkus hinab» geht. Lacrymosa, Ingemisco, Seufzer und Klagen. Wieso nicht – doch wäre es im Hinblick auf Manzoni nicht freundlicher gewesen, das Dies Irae wegzulassen und stattdessen das In Paradisum zu komponieren, wie es später Duruflé so magistral getan hat?

Auch schon ist herausgestrichen worden, es handle sich bei der Messa da Requiem um Verdis ersten Beitrag zur Musica Sacra seit seinen Jugendjahren – immerhin hatte er seine Karriere in Busseto als Kirchenmusiker begonnen. Ein zurück ad fontes also? Oder sogar die Idee, letzlich nicht Manzonis Requiem zu schreiben, sondern sein eigenes? Gestützt werden solche Ideen von dem Umstand, dass Verdi in der Folge längere Zeit nichts mehr komponierte. Ein eigentliches Bekenntniswerk in eigener Sache also, im Hinblick auf das mögliche eigene Ableben?

Auch zur Tonsprache bleiben Fragen offen. Hat Verdi sich hier des Opern­idioms einfach deshalb bedient, weil er über kein anderes verfügte? Wenig wahrscheinlich, er hat Gegenbeweise geliefert. Oder weil er als vermuteter Agnostiker den religiösen Ballast im Theater hat auflösen wollen, im Sinne des Tutto nel mondo è burla aus Falstaff, seinem wirklichen Schwanengesang? Das hiesse Verdi unterschätzen, er reflektierte viel über solche Dinge, und auch wenn er seine Unabhängigkeit in religiösen Dingen eingefordert hat, war er sich der kulturellen Bedeutung des Religiösen gerade in Italien bewusst. Liegt am Ende die Identifikation des Requiems mit der Oper gar weniger am Tonsatz, sondern vielmehr an eingeschliffenen Interpretationsmustern?

Damit wären wir wieder in der Gegenwart und bei Sir John Eliot Gardiner. Gerne würden wir ihm bei Gelegenheit die Frage stellen, wo er im Sinne des oben Gesagten Verdis Requiem verorten würde. Auch, wie sich sein Blick auf das Werk seit der Einspielung von 1992 gewandelt hat. Wie er überhaupt die Entwicklung der Originalklang-Bewegung als Zeitzeuge ersten Rangs erfahren hat. Bis dahin bleiben uns das Zuhören und Interpretieren. In bisherigen Aufführungen anderer Werke – auch in jüngerer Zeit in der Schweiz – hat Gardiner den Eindruck vermittelt, dass er das Auditorium persönlich treffen und zum Nachdenken über die elementaren Fragen des Lebens, Sterbens und des Jenseits bewegen will. Kein Trost also in der Geborgenheit der musikalischen Weltsprache von Verdis Idiom. Starke Emotionen werden durchgehend vermittelt, vermieden indessen jeder Bombast, alles Formelhafte, jedes Theater.

Das Auditorium sinnt unweigerlich über die Bedeutung des Gesagten, schaudert, hofft. Solches versprechen wir uns auch vom bevorstehenden Schweiz-Auftritt Gardiners. Begleitet wird er dabei von der Sopranistin Corinne Winters, der Mezzosopranistin Ann Hallenberg, dem Tenor Edgaras Monvidas, dem Bassisten Gianluca Buratto und dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique – und natürlich von seinem Monteverdi Choir, mit dem er nun über ein halbes Jahrhundert musiziert. Es ist zweifellos Zufall, aber immerhin – irgendwie klingt Monteverdi doch an Verdi an…

 

Migros-Kulturprozent-Classics

Luzern, KKL 30.10.2018, 19.30 Uhr Orchestre Révolutionnaire et Romantique/ Monteverdi Choir Sir John Eliot Gardiner (Dirigent) Corinne Winters (Sopran), Ann Hallenberg (Mezzosopran), Edgaras Montvidas (Tenor), Gianluca Buratto (Bass) ... Weiter
Ausgabe: 11 - 2018