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musik

Bild: Marco Borggreve

«Es ist sicher gut, zu merken, dass man Höchstleistungen im entscheidenden Moment abrufen kann.»

 

Louis Schwizgebel spielt Liszt mit der Ungarischen Nationalphilharmonie
«Bei sich 
selber bleiben»
Die Karriere des jungen Genfer Pianisten Louis Schwizgebel verlief geradlinig von Erfolg zu Erfolg. Heute kann 
der 31-Jährige als etablierter Konzertpianist von Weltformat gelten. Im November spielte er mit der Ungarischen 
Philharmonie unter Zsolt Hamar in Zürich und Luzern das erste Klavierkonzert von Franz Liszt.

Reinmar Wagner

Es war vor nun doch schon ein paar Jahren, beim Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb in Biel: Da kam ein unscheinbares Bürschchen mit asiatischen Gesichtszügen auf die Bühne, setzte sich ohne einen Blick ins Publikum hin – und legte los mit einer jener hoch virtuosen Bravour-Piecen, bei denen man denkt, ein Pianist müsste zwölf statt zehn Finger haben. Louis Schwizgebel spielte sein Publikum schwindlig – ganz klar, dass das der erste Preis im Wettbewerb sein sollte.

2005, mit 17, gewann Louis Schwizgebel dann den Concours de Genève, und endgültig unter die Elite der pianistischen Jugend spielte er sich 2012 beim Klavierwettbewerb in Leeds. Die Anfragen für Konzerte wurden so zahlreich, dass das Talent auf weitere Wettbewerbsteilnahmen verzichten konnte. Gemocht hat er diese Vergleiche ohnehin nie: «Es ist sicher gut, zu merken, dass man Höchstleistungen im entscheidenden Moment abrufen kann. Aber es ist anstrengend, und es macht nicht gerade Spass, gegen seine Freunde anzutreten.»

Sensible Nuancen

Interessant ist die Entwicklung des jungen Pianisten. Aus ihm hätte angesichts des virtuosen Auftritts damals in Biel ein Showstar im Stil von Lang Lang oder Arcadi Volodos werden können. Aber Schwizgebel entwickelte sich in eine andere Richtung. Geblieben ist die blendende Technik, aber was auch immer in den letzten Jahren zu hören oder zu lesen war über den vom Talent zum Künstler herangereiften Pianisten, deutete auf einen sensiblen Musiker, der die Nuancen pflegt und eine feinfühlige Handschrift mag.

Die Absage an eine Karriere als pianistischer Showstar ist eine ganz bewusste, wie Schwizgebel betont: «Das Schlimmste wäre, um jeden Preis anders sein zu wollen, das kann gegen die eigene Natur gehen und einen zerstören. Man muss bei sich selber bleiben. Auf keinen Fall darf man die Virtuosität über den musikalischen Tiefgang stellen. Tastenlöwen, die das praktizieren, vermögen zwar zu beeindrucken, die musikalische Aussage bleiben sie aber schuldig. Langfristig sind es die eigenwilligen Künstler, die sich durchsetzen.»

Und zu denen gehört der junge Genfer Pianist unterdessen, das zeigt unterdessen auch seine Diskografie etwa mit den ersten beiden Klavierkonzerten von Beethoven unter Thierry Fischer mit dem London Philharmonic Orchestra. «Einen wunderschön nuancierten Zugang» fand das renommierte «Grammophone»-Magazin. Mit den Klavierkonzerten von Saint-Saëns überzeugte er Publikum und Kritiker in der ganzen Welt, und sein Album mit Schuberts späten Klaviersonaten erntete beste Noten: «Sehr überlegen geht er zu Werk», schrieb Werner Pfister in M&T, «Ruhe und Konzentration geben den Ton an, und sein magistrales Spiel zeugt von ungewöhnlich sorgfältiger emotionaler und geistiger Durchdringung. Hier gibt es keinen Takt, der nicht von innen kommt – klassischer Geist, gepaart mit romantischer Empfindung.»

Pianistische Technik also ist für Louis Schwizgebel nie Selbstzweck, sondern ermöglicht es, sich in einem Stück wohler zu fühlen, mehr noch: überhaupt die musikalischen Ideen zu transportieren, die man mitteilen möchte. «Wie schaffe ich es zum Beispiel, eine Passage laut genug zu spielen, dass die Farben über das Orchester hinweg hörbar werden, ohne dass mein Klang zu grob wird? Ich habe mich oft etwas sehr jung in etwas zu schwierige Stücke getraut, und musste mir dann Wege erschliessen, sie doch hinzukriegen. Das hat mir einerseits geholfen, offen zu sein und hat auch Vertrauen geschaffen, dass es dann doch irgendwie geht. Aber ich habe in der Zwischenzeit auch gelernt, dass man neue Stücke nicht unbedingt mit der letzten Spannung angehen muss, sondern auch mal ein bisschen diagonal in sie eintauchen kann. Aber Patentrezepte gibt es keine: Ich bin immer noch am Suchen.»

«Für Elise» als Katalysator

1987 wurde Louis Schwizgebel in Genf geboren. Seine Eltern sind keine Musiker, sondern bildende Künstler, die chinesische Mutter ist Kunstmalerin, der Vater Georges Schwizgebel ist ein bekannter Animationsfilmer («L’homme sans ombre», «La jeune fille et les nuages»). Erst mit sechseinhalb Jahren begann Louis mit dem Klavierspiel, spät für eine grosse Karriere. Schuld war Beethovens berühmtes Stück «Für Elise», mit dem ein Schulfreund an einem Geburtstagsfest seine Kollegen beeindruckte. Das wollte Louis auch können, und mehr: Bereits nach einem Jahr war für ihn klar, dass er das Klavier zum Beruf machen wollte. Mit neun wurde er ans Konservatorium in Lausanne zugelassen, studierte bei Brigitte Meyer und schloss mit 15 und «summa cum laude» das Solistendiplom ab. Weitere Studien führten ihn zu Pascal Devoyon in Berlin, Emanuel Ax an die New Yorker Juilliard School und Pascal Nemirovski an der Londoner Royal Academy.

Die grossen Konzertsäle kennt er unterdessen fast alle vom Podium aus: Die Londoner Wigmore Hall und die Berliner Philharmonie sind mittlerweile dazugekommen, die USA und Fernost fehlen ebenfalls nicht. Louis Schwizgebel ist keiner, der vor einem Konzert das Nervenflattern bekommt. «Ich bin nervös, das schon, aber ich versuche zu entspannen. Lieber gehe ich das Programm noch einmal im Kopf durch, als dass ich mich an ein Klavier setze.» Und er hat einen feinen Sinn für Humor. Der sich auch in flapsigen Sprüchen äussern kann, wie wir auf seinem Twitter-Account lesen: «Talent is good, practice is better, passion is best.» Auf Facebook lesen wir, dass er als Hobby malt, Origamis faltet, Kalligrafie mag, Schach spielt und Zaubertricks übt. ■

Ich habe mich oft in etwas zu schwierige Stücke getraut

Migros-Kulturprozent-Classics

Zürich, Tonhalle Maag 27.11.2018, 19.30 Uhr Luzern, Konzertsaal KKL 28.11.2018, 19.30 Uh Ungarische Nationalphilharmonie Zsolt Hamar (Leitung) Louis Schwizgebel (Klavier) Sandor Veress: Threnos in memoriam 
Béla Bart ... Weiter
Ausgabe: 11 - 2018