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musik

Bilder: Gert Mothes

Blick in die Leipziger Thomaskirche während eines Kantaten-Konzerts.

 

Beim Bachfest in Leipzig standen diesen Sommer die Kantaten im Zentrum
Bach-Kantaten-­Olympiade
Die dreissig besten Kantaten Bachs in zehn Konzerten in seinen beiden Leipziger Hauptkirchen, der Thomas- und 
der Nikolaikirche: Nichts weniger war die Absicht hinter dem «Kantaten-Ring», den das Bachfest am Auftaktwochenende 
veranstaltete. Ein Marathon, der auf grosses Interesse stiess.

Reinmar Wagner

Best of Bach: Die dreissig besten Kantaten an einem Wochenende

Nein, eine Rangliste, das wollen wir nicht machen. Citius, Altius, Fortius, das überlassen wir den Olympioniken, die nun auch 2026 definitiv nicht ins Wallis kommen werden. Was besser ist, und warum, das ist in der Kunst bekanntlich nicht ganz leicht zu entscheiden, sondern stark von Geschmack und Bildung abhängig, wenn nicht sogar total individuell. Und auch wenn wir immer wieder Wertungen vornehmen, so sind wir uns bewusst, dass sie einen mehr oder weniger grossen Anteil an Subjektivität nicht unterschreiten können.

Das ist dem Bachfest Leipzig und seinen künstlerischen Leitern – John Eliot Gardiner, Präsident, Direktor Peter Wollny und Dramaturg Michael Maul – zweifellos ebenso bewusst. Dennoch wagten sie den Schritt, am Bachfest 2018 in zehn Konzerten an einem Wochenende die «30 besten» Kantaten von J. S. Bach aufzuführen.

Die Herausforderung einer solchen Auswahl ist wahrlich gewaltig: Über 200 Kantaten von Bach sind uns überliefert worden, und obwohl der Thomaskantor in der Zeit ab 1723 jeden Sonntag in einer seiner Leipziger Hauptkirchen – Thomaskirche und Nikolaikirche – eine Kantate passend zum jeweiligen Sonntag im lutherischen Kirchenjahr aufzuführen hatte, ist ihm diese Aufgabe auch bei grösster Beanspruchung nie derart über den Kopf gewachsen, dass er mittelmässige Werke abgeliefert hätte. Erfindungsreichtum, Originalität, aber auch Handwerk und die nie versiegende Freude an instrumentalen Farben und vor allem an kontrapunktischem Variantenreichtum lassen nie nach, bis sich Bach nach fünf Kantaten-Jahrgängen dann etwas zurücklehnte und in den folgenden Jahren bestehende Werke neu arrangierte und wieder aufführte.

Und es sind nicht einmal alle Kantaten erhalten, sonst wäre die Aufgabe des Leipziger Führungs-Trios noch wesentlich schwerer geworden. 300 dürfte nicht zu hoch gegriffen sein für die Gesamtzahl der Kantaten Bachs für die verschiedenen Gelegenheiten – darunter auch für Fürsten-Geburtstage, Hochzeiten oder Begräbnisfeiern. Und welche darunter sind die schönsten? 30 aus über 200, das war die Herausforderung, vor die Gardiner, Wollny und Maul sich gestellt sahen. Zuerst ging jeder von den dreien in sich, machte für sich selbst die Liste seiner Favoriten. Dann sass man zusammen, und siehe da, es gab eine ganze Reihe von Kantaten, die bereits zu diesem Zeitpunkt auf allen drei Favorit-Zetteln auftauchten: «Ich habe genug» BWV 82 zum Beispiel – nicht sehr verwunderlich – ebenso wenig wie BWV 12 «Weinen, Sorgen, Klagen, Zagen», BWV 56 die «Kreuzstabkantate» oder BWV 106 «Actus tragicus».

16 Titel aus Bachs Kantaten-Universum erhielten auf diese Weise das dreifache Placet und waren damit natürlich gesetzt. Umso schwieriger wurde die Diskussion um die restlichen 14 Plätze, um die sich 56 Kantaten mit einer oder zwei Nennungen stritten. Weitere Entscheidungen erleichterte die vorgesehene Reihenfolge, die – einzig sinnvoll – dem Kirchenjahr folgte, damit am 1. Advent mit «Nun komm der Heiden Heiland» beginnen und mit dem Ewigkeitssonntag und «Wachet auf ruft uns die Stimme» enden konnte.

So war schlüssig ein Zyklus geboren, aus dem nun in bewusster Anlehnung an einen anderen berühmten Komponisten aus Leipzig ein «Kantaten-Ring» geschmiedet wurde. Und die Absichten gingen noch weiter: Um möglichst viel vom authentischen Gefühl eines Leipziger Kantatengottesdiensts zur Bach-Zeit zu erwecken, spielte man nicht nur in Bachs Kirchen, sondern liess auch die beiden Pfarrer die jeweiligen Bibeltexte lesen, die zu jeder Kantate gehörten. Und mehr noch: Man ergänzte die Musik durch die Gesänge aus der Motettensammlung «Florilegium portense», die auch zu Bachs Zeiten Bestandteil jedes Leipziger Gottesdienstes waren.

Spitze der Bach-Interpretation

Wesentlich leichter als die Auswahl der Werke war die Wahl der Interpreten, die diesen «Ring» stemmen sollten. Gesetzt natürlich war John Eliot Gardiner mit seinen Ensembles Monteverdi Choir und English Baroque Soloists, die nicht nur im Bach-Jahr 2000 auf ihrer Kantaten-Pilgerfahrt (die zum Teil auf CD dokumentiert ist) ihre Bach-Kompetenz bewiesen haben. Eingeladen wurden zudem die drei Ensembles, die bisher eine Gesamt-Einspielung der Bach-Kantaten vorgelegt haben: Ton Koopman mit seinem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, Masaaki Suzuki mit seinem Bach-Collegium Japan und die «Gaechinger Cantorey» deren Gründer Helmuth Rilling 2013 die Leitung in die Hände von Hans-Christoph Rademann weitergab. Dazu kamen natürlich die ortsansässigen Thomaner unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz.

So viel Bach-Kompetenz an einem Ort versammelt, das konnte ja nur olympisch werden. Wurde es auch. Bach, der sich so eloquent bei seinen Vorgesetzten beklagte, wie kümmerlich die Möglichkeiten seiner Sänger und Musiker seien, wäre wohl aus dem Staunen nicht heraus gekommen, hätte er mithören können. Zum Beispiel bei Rademanns Interpretation von «Ich hatte viel Bekümmernis», in der die Musik fast schon obsessiv auf Kummer und Leiden herumreitet in einer ausgedehnten Sinfonia und dann unterstützt vom Solosopran – eine ätherisch schön, jenseits aller technischen Hindernisse singende Dorothee Mields –, bis sie dann zu einem ebenso ausführlich zelebrierten triumphalen Schluss anhebt mit den Farben von Trompeten und Posaunen. Oder, im selben Konzert, als Tobias Berndt in der «Kreuzstabkantate» die musikalischen Wort-Metaphern auskostete und vom Orchester auf ungezwungene Weise Sukkurs erhielt.

Eindrücklich auch die nicht minder jubilierende dritte Strophe von «Wachet auf ruft uns die Stimme», mit der Gardiner das letzte «Ring»-Konzert abschloss – ja, nach dem Marathon in den witterungsbedingt ziemlich heiss-schwülen Kirchenräumen mag der eine oder andere Zuhörer diesen Weckruf nötig gehabt haben. Die kunstvollen Kombinationen von Gesang und Instrumentalsoli, wie sie das Markenzeichen Bachs sind, oder die Verquickung von zentralen Choral-Melodien des lutherischen Lieder-Kosmos mit instrumentalen Verzierungen und kontrapunktischen Finessen, waren nicht nur hier, sondern auf Schritt und Tritt zu erleben.

So folgte Höhepunkt auf Höhepunkt. Nur: Wäre das anders gewesen, hätte man eine andere Auswahl getroffen? Man darf fast getrost wetten, dass – sollte die sehr erfolgreiche Idee dieses «Kantaten-Rings» eine Fortsetzung finden – auch die zweitbesten 30 Kantaten eine nicht minder eindrückliche Wirkung erzielen würden, vorausgesetzt natürlich, das Niveau der Interpretation bleibt auf dieser durch jahrzehntelange Vertrautheit und Erfahrung gewonnenen Höhe.

Akustisch sind die beiden Kirchen trotz des Flairs des Authentischen nicht wirklich ideal, noch eingeschränkter ist die Sicht, gerade wenn wie in der Thomaskirche auf der Empore musiziert wird und damit in den Rücken eines grossen Teils des Publikums. Aber das tat der Laune und der Ausdauer des Publikums keinen Abbruch.

Bach-Rock auf dem Marktplatz

Natürlich ist das Bachfest Leipzig, das bereits 1908 zum ersten Mal stattfand, mehr als ein prall gefülltes Kantaten-Wochenende. Im zehntägigen Programm finden sich fast selbstverständlich auch die H-Moll-Messe und die beiden erhaltenen Passionen Bachs, flankiert von zwei Passionsoratorien, die noch kaum jemand kennt, «Gesù al Calvario» von Zelenka und «Der blutige und sterbende Jesu» von Reinhard Keiser. «Zyklen» war das programmatische Motto diesen Sommer, so kamen die Bände des «Wohltemperierten Klaviers» unter den Händen von Andreas Staier, Alexander Melnikov oder Nelson Goerner zum Klingen, die «Clavier-Übung» durch András Schiff oder den herausragenden jungen Cembalisten Jean Rondeau, die Brandenburgischen Konzerte durch Vaclav Luks und sein Collegium 1704 oder die Cellosuiten durch Pieter Wiespelwey.

Aber auch ein Bachfest muss sich nicht auf Bach allein beschränken, so reich dessen musikalischer Kosmos auch wäre. Man blickt natürlich auch in Leipzig über den Lokalheiligen hinaus – zu anderen Lokalheiligen wie etwa Mendelssohn, einem anderen grossen in Leipzig wirkenden Komponisten, von dem nicht nur «Elias» unter Suzukis Leitung erklang, sondern auch die Orgelsonaten und die Choralkantaten Bachs entsprechenden Werken gegenüberstanden.

Und man verschliesst sich nicht den Tendenzen unserer Zeit. Zwar pilgern asiatische Touristen busladungsweise zu den Motetten der Thomaner, aber Bachs Musik trägt auch hinaus in die Stadt: Auf dem Marktplatz stand am ersten Wochenende eine Open-Air-Bühne, die den verschiedensten Musikern und Gruppen eine Plattform bot, Bachs Musik in Jazz- und Rock-Muster einzubringen. Oder auch einfach ganz ohne Bach gute Musik zu machen.

Gleich neben der Thomaskirche steht die Thomasschule, in der auch Bach mit seiner mittlerweile grossen Familie wohnte. Und im ehemaligen Haus des Gold- und Silberwarenhändlers Bose, mit dem Bachs befreundet waren, hat heute das Bach-Archiv Leipzig seine Heimat. Es ist ein vorbildlich geführtes Museum, das es nicht nur versteht, die Schätze des Archivs ansprechend zu präsentieren, sondern auch mit vielen interaktiven Elementen einen intuitiven Zugang zu Bachs Musik, seiner Zeit und den Lebensumständen im Leipzig des 18. Jahrhunderts zu ermöglichen. Auch der Wissenschaft hat das Archiv viel zu bieten. 2010 ging das Projekt «Bach digital» online, mittlerweile sind fast alle der im Archiv und den wichtigsten Partner-Bibliotheken vorhandenen Quellen digital frei zugänglich ().

Neben wertvollen Handschriften und Gemälden wird aktuell eine Sonderausstellung zu den zahlreichen Privatschülern gezeigt, die Bach in Orgelspiel und Komposition unterrichtete, und die oft auch gleich im Bach’schen Haushalt wohnten. Wie in einem Taubenschlag sei es zu Hause zugegangen, schrieb Carl Philipp Emanuel später. Über hundert dieser Bach-Schüler spürt die Ausstellung nach, und versucht nachzuvollziehen, wie sich Bachs Wissen und seine musikalischen Vorlieben über deren Wirkungsstätten weiter verbreitet haben. ■

Ausgabe: 09 - 2018