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Bilder: Tatjana Dachsel

«Wenn ich auf die Bühne trete, passiert etwas Magisches, und ich liebe es und brauche es.»

 

Robin Johannsen eröffnet die Bachwochen Thun mit der Akademie für Alte Musik Berlin
«Bach, ja gerne!»
Heute ist die amerikanische Sopranistin Robin Johannsen eine führende Interpretin der Barockoper bis hin zu den Partien Mozarts. Aber diese Laufbahn war keineswegs vorgezeichnet: Auf der Bühne stehen wollte die kleine Robin zwar schon immer, aber der Weg zu Bach und Rameau war weit.
«Eine Welt ohne Mozart mag ich mir nicht vorstellen.»

Reinmar Wagner

Sie hätte gesungen, bevor sie sprechen konnte, sagte ihre Mutter. Beide Eltern waren Lehrer, es war kein wirklich musikalisches Elternhaus, in das Robin geboren wurde. «Aber wir haben immer Musik gehört, zu Hause, im Auto. Ich habe ganz besonders die alten Musicals wie ‚The King and I‘ oder ‚My Fair Lady‘ und auch die neuen von Stephen Sondheim geliebt.» Schon als kleines Kind habe sie auf der Bühne stehen wollen, sagt Robin Johannsen. «Ich stellte mir vor, wie ich auf Familienfeiern Lieder singen würde.» Es war nicht so sehr das Singen, was das Mädchen anzog, sondern die Bühne. «Ich hätte mich auch als Schauspielerin wohlgefühlt, ich wäre glücklich gewesen mit allem, bei dem man im Rampenlicht stehen könnte.» Dabei sei sie eigentlich eine eher schüchterne Person, sagt die Sängerin über sich. An Partys führe sie nie die grosse Klappe, aber im Moment, in dem sie auf eine Bühne trete, «da passiert einfach etwas Magisches, und ich liebe es und brauche es!»

Das Interesse an klassischer Musik und an der Oper wurde erst in der High School von einem Musiklehrer geweckt, und sie verliebte sich in die Stimmen der Starsänger, deren Platten sie hörte. Im Gesangsunterricht lernte sie, wie man den Sound dieser Opernstimmen nachmachen konnte. Aber auch da war noch nicht die Rede von Händel, Hasse oder Caldara. Die junge Robin Johannsen wollte am liebsten die grossen Partien von Puccini und Verdi singen. «Ich musste die Liebe zur alten Musik regelrecht lernen. Man sagte mir, meine Stimme würde sich für Barockmusik eignen, und ich könnte Erfolg damit haben, wenn ich ernsthaft am Händel-Repertoire arbeiten würde.» Ein wichtiger Mentor auf diesem Weg wurde später der Ensemble-Leiter Alessandro de Marchi, der ihr nicht nur viel stilistische Finessen beibrachte, sondern eine grosse Liebe zu dieser Musik in ihr geweckt habe.

Unverhofft in Berlin

Aber so weit war es noch lange nicht. Vorerst studierte sie in Pittsburg. Die Karriere nahm Fahrt auf, vor allem auch deswegen, weil die Gesangsstudentin Robin Johannsen jede Möglichkeit nutzte, irgendwo vorzusingen. Als es um ein Stipendium an der Deutschen Oper ging, beruhigte sie ihre Mutter, die fand, dass Berlin doch ein wenig weit weg sei, dass sie ja ohnehin nicht genommen werde. Wurde sie aber. Und fand sich in Deutschland wieder, in einem Nachwuchsprogramm nach dem Motto: «Du wirst ein bisschen bezahlt, und du arbeitest sehr viel. Wir Stipendiaten waren in so vielen unterschiedlichen Produktionen dabei und bekamen auch viele Coachings auch im privaten Repertoire.»

Die Arbeit aber hat sich gelohnt. Eigentlich wollte sie bloss die eine Saison in Berlin bleiben, die das Stipendium umfasste. Aber das Haus bot ihr ein Fest-Engagement an, und so sang die Amerikanerin bald die Susanne in Mozarts «Figaro», die Norina in «Don Pasquale» oder den Oscar in Verdis «Ballo in Maschera». Drei Jahre blieb sie in Berlin, ging dann für weitere drei Jahre an die Staatsoper Leipzig, wo sie Pamina, Susanna, Gretel, Marzellin oder Blonde singen konnte, bevor sie 2008 entschied, sich auf dem freien Markt, und dann vor allem als Barocksängerin zu behaupten.

Es ging schnell in ihrem Fall, dennoch findet Robin Johannsen, dass Geduld die wichtigste Eigenschaft sei, die junge Sänger mitbringen müssten. Neben dem Mut natürlich, in einem fremden Land in fremder Umgebung eine Karriere zu starten, mit all den Schwierigkeiten des umkämpften Berufs: das Warten auf den entscheidenden Anruf, Erfahrungen mit Agenten, der Kampf mit dem ganzen Papierkram. «Die Dinge gehen nie genau so, wie du es dir gewünscht hast. Es wird immer Enttäuschungen geben. Umso wichtiger ist es, die Chancen zu packen, die man dir gibt, auf das zu hören, was die erfahrenen Leute sagen, und von denjenigen zu lernen, die es geschafft haben. Deswegen kriegst du keinen Hick in dein Ego. Feedback kann schmerzhaft sein, aber manchmal ist es einfach wahr.»

Robin Johannsen zeichnet ihre Proben in der Regel auf, was ihr hilft, im nachträglichen Hören eine Balance zu finden, zwischen dem Feedback der anderen und ihren eigenen Ideen. «Man soll sich nicht blind der Kritik anvertrauen, und eine Portion Misstrauen und Selbstbewusstsein sind sicher nicht ungesund. Aber wenn man nicht bereit ist, auch mal die Vorgaben eines Dirigenten nach seinem Willen umzusetzen, dann vergibt man sich auch die Chance, daraus etwas zu lernen. Dass ich immer von den Besten abgeschaut habe, ist das wichtigste Erfolgsrezept in meiner Karriere. Viele berühmte Dirigenten haben sehr genaue Vorstellungen von der Musik, die sie dirigieren. Wenn du ihnen wirklich vertraust und glaubst, dass sie das Beste aus dir herausholen, dann tust du plötzlich Dinge, von denen du gedacht hättest, dass du das nie hinkriegen würdest.»

Kampf und Sieg

Einer von ihnen war Alessandro de Marchi, der ihr nach einer Produktion von Händels «Teseo» an der Komischen Oper Berlin ein erstes Engagement für eine CD-Produktion anbot: «Davidis pugna et victoria» von Alessandro Scarlatti. Dabei ist es nicht geblieben: «In dolce amore» oder «Didone abbandonata» heissen ihre jüngsten CDs, die erste mit Kantaten von Antonio Caldara mit der Academia Montis Regalis unter Alessandro de Marchi, die zweite mit den expressiven Klagen der von Aeneas verlassenen Dido, wie sie Händel und Vinci vertont haben, begleitet von Wolfang Katschner und seier «Lautten-Compagney». In der Einspielung von Händels Pasticcio «Parnasso in festa», das Andrea Marcon mit dem Basler Barockorchester La Cetra einrichtete, ist sie ebenso zu hören wie auf der «Zauberwald»-CD des Berner Ensembles «Les Passions de l‘Ame» von Meret Lüthi.

Über ein Dutzend Einspielungen sind zusammengekommen im Lauf der Jahre, auf denen die Sopranstimme von Robin Johannsen zu hören ist, darunter eher unerwartet auch Wagners «Ring des Nibelungen»: passend natürlich: Robin Johannsen trillerte den Waldvogel in «Siegfried», und das nicht nur in der Aufnahme des Frankfurter «Rings», sondern auch in Bayreuth unter Thielemann. Für René Jacobs sang sie die Konstanze in Mozarts «Entführung aus dem Serail», in Federico Maria Sardellis Gesamteinspielung (auf CD und DVD) von Cavallis «Giasone» war sie die Isifile an der Seite von Christophe Dumaux, auch den «Messias» hat sie eingespielt unter Helmuth Rilling, aber nicht denjenigen von Bach, sondern die schwedische Variante von Sven-David Sandström aus dem 21. Jahrhundert.

Bayreuth hat die Sopranistin auch beeindruckt, weil sie da ein noch um vieles enthusiastischeres Publikum erlebte, als in der Barockoper: «So etwas hatte ich nie zuvor erlebt. Die Wagner-Fans sind wirklich hardcore. Ich hatte ja bloss den Waldvogel in ‚Siegfried‘ oder den Hirtenjungen in ‚Tannhäuser‘ gesungen, aber für Wagner-Junkies gibt es keine kleinen Partien. Alle standen am Ausgang und wollten Autogramme, egal ob jemand den Titelhelden oder bloss ein paar kurze Sätze zu singen hatte.»

Aber auch die Fans der Barockoper erlebt die Sopranistin sehr leidenschaftlich. Weniger in Bezug auf die Interpreten, als auf die Freude am Entdecken bisher unausgegrabener Werke. Und sie mag es, den Menschen Musik vorzusingen, die seit 300 Jahren niemand mehr gehört hat. Dass es keine Aufführungstraditionen und keine CD-Einspielungen gibt bei solchen Werken, spornt sie an: «Du bist wirklich auf dich selbst gestellt und angewiesen auf dein Team. Es ist ein schönes Gefühl, ein Pionier sein zu können.»

Mahler und Klimt

Die Konstanze sei wohl die dramatischste Partie, die sie singen werde, mutmasst Robin Johannsen. Aber so ganz ein Kind der Barockzeit ist sie dennoch nicht geworden. Mahler nennt sie als ihren Lieblingskomponisten und Gustav Klimt als Lieblingsmaler. Und wie viele Kolleginnen hat sie schon früh und gerne auch die Partien der Klassik, insbesondere Mozarts, gesungen. Mit der Papagena fing es an, die Barbarina folgte, dann Susanna, Pamina, Konstanze, Fiordiligi. Mit Mozart könne man sich weiterentwickeln, sagt Robin Johannsen. «Mozart ist schwer, aber sehr dankbar. Er braucht eine sehr gute Gesangstechnik, aber man muss auch schauspielern können. Es gibt so viele Emotionen in seiner Musik. Man muss alles geben, um Mozart gut zu machen und dann bekommt man auch alles wieder. Eine Welt ohne Mozart mag ich mir nicht vorstellen.»

Die Konstanze sang sie auch in der Einspielung von René Jacobs und ist begeistert vom Belgier: «Wenn man mit diesem Dirigenten zusammenarbeitet, dann lernt man jeden Tag etwas Neues. Er lässt nie nach und er gibt nie auf. Er gibt immer hundert Prozent und verlangt das auch von seinen Musikern und Sängern. Gleichzeitig kann er unheimlich flexibel sein: Er hat immer neue Ideen, will immer unterschiedliche Dinge ausprobieren, damit die Musik lebt. Man merkt, wie viel Spass er dabei hat. Bei René ist die Arbeit nie fertig! Er könnte auch vor der letzten Vorstellung mit einer neuen Idee kommen, die man dann gleich ausprobiert.» ■

«Es ist ein schönes Gefühl, ein Pionier sein zu können»

Bachwochen Thun –

• Robin Johannsen (Sopran), Akademie für Alte Musik Berlin, Bernhard Forck (Leitung und Violine); A. Scarlatti, Vivaldi, Pergolesi, Bach; 17.8., 19.30 Uhr, Stadtkirche Thun • Sébastian Jacot (Flöte), Agnès Clément (Harfe); Bach, Bartók, Couperin, Corelli, Bizet, Canteloube, Posse, Piazzolla; 18.8., 17.00 Uhr, Kirche Amso ... Weiter
Ausgabe: 07 - 2019