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Ton Koopman: «Ich würde mich gerne im 18. Jahrhundert umsehen.»

 

Ton Koopman prägt das zweite Wochenende vom 13.–15. September beim Zermatt Festival
«Bach bleibt meine Nummer eins»

Reinmar Wagner

M&T: Ton Koopman, Sie sind neuer Direktor des Bach-Fests in Leipzig, und auch in Ihren Programmen für Zermatt steht Bach am Anfang.

Ton Koopman: Bach ist und bleibt meine Nummer eins. Wir haben in den Brandenburgischen Konzerten die Instrumentierung nach dem Vorbild von Bachs Kantatensätzen verändert, und damit haben wir sogar etwas Neues zu bieten.

M&T: Daneben gibt es die «Heiligmesse» von Haydn, die «Reformationssinfonie» von Mendelssohn, die «Haydn-Variationen» von Brahms, aber auch ein Kinderprogramm von Ihrer Tochter.

Ton Koopman: Kinderkonzerte habe ich immer für sehr wichtig gehalten und gerne in die Programme aufgenommen. Sie spielt mit ihrem Freund, und ich bin wie ein Nerd auf der Orgel und kriege gar nicht so mit, was sich zwischen den beiden für Dramen abspielen. Auch die Kinder dürfen Lärm machen. In Holland haben wir dieses Programm schon über 20 Mal gespielt, für die Schweiz ist es das erste Mal. Und Marieke, meine Tochter, singt auch noch in einer Jam-Session in Zermatt.

M&T: Machen Sie da auch mit?

Ton Koopman: Nein, das ist nicht meine Welt.

M&T: Improvisieren an sich aber schon?

Ton Koopman: Es gab einmal eine TV-Sendung, in der ich mit Jazz- und Rockmusikern improvisieren sollte. Zuerst haben wir furchtbare Angst voreinander gehabt, aber nach einer gemeinsamen Trink-Session, hat jeder am nächsten Tag wunderbar in jeweils seinem Stil improvisieren können. Bevor ich zu üben beginne, spiele ich jeweils zehn Minuten völlig frei, was mir gerade durch den Kopf geht, um wach zu werden und die Gedanken zu fokussieren. Oder in Händels Orgelkonzerten kann man zum Beispiel viel improvisieren. Da steht manchmal nur «ad libitum» in der Ausgabe, da habe ich ganze Passagen improvisiert. In Basel lehrt Rudolf Lutz diese Kunst, eine unglaubliche Begabung, sehr spannend, wie er das macht, und für jeden Musiker wäre es eigentlich zentral, dass man im Stil der Epoche, in der man sich bewegt, zu improvisieren lernt. Es ist wichtig, dass man lernt, frei zu sein auf seinem Instrument, dass man nicht verzweifelt, wenn mal die Noten verloren gegangen sind ...

M&T: Sie feiern dieses Jahr Ihren 75. Geburtstag, Ihr Amsterdam Baroque Orchestra den 40. Ein Moment, zurückzuschauen auf das Erreichte?

Ton Koopman: Und der Chor wird 25. Wir werden zwei Tage feiern in Amsterdam. Aber nein, es ist ein Moment, um weiterzugehen. Ich habe in einem Film mal gesagt, dass ich 100 werden möchte. So gesehen habe ich erst drei Viertel vollendet. Natürlich, man muss gesund bleiben, aber das Leben als Musiker macht so enorm Spass, es ist so bereichernd und spannend, wie man ständig Neues entdecken kann. Ich möchte auch zurückgehen ins 16. Jahrhundert zu Orlando di Lasso etwa. Oder ich habe noch nie eine Oper von Monteverdi gemacht, das ist kaum zu glauben. Gilbert Blin macht beim Boston Early Music Festival sehr interessante historische Inszenierungen mit barocken Opern, gedacht aus der Zeit. Das könnte mich sehr reizen. Ich kenne ihn gut, habe aber noch nie mit ihm gearbeitet, ich habe überhaupt wenig Oper gemacht in meinem Leben, weil das einfach sehr viel Zeit kostet. Aber das könnte mich reizen: historische Instrumente, historische Inszenierungen.

M&T: Ist die barocke Gestik für unsere Zeit nicht sehr schematisch?

Ton Koopman: Wenn ein Regisseur musikalisch ist und an diese Idee glaubt, kann es funktionieren, so wie es auch mit Bergmans Mozart funktioniert hat. Die Alte Musik hat so viel Erfolg gehabt, weil Leute wie Harnoncourt oder Leonhardt nicht nur geforscht haben, sondern auch so tolle Musiker waren. Im Theater ist diese Entwicklung stehen geblieben, alle Dirigenten haben sich modernen Inszenierungen zugewandt. Das hat mir immer ein wenig weh getan, dass die Bewegung der historischen Spielweisen sich im Theater nicht fortgesetzt hat. Die Musik würde gewinnen, davon bin ich überzeugt, und vielleicht kann ich das auch noch irgendwann beweisen.

M&T: Zu Schumann, Brahms und Beethoven sind Sie ja schon vorgedrungen. Wirkt die Versuchung, weiter in die Romantik vorzustossen?

Ton Koopman: Es wird wohl eine Vierte Sinfonie von Brahms geben, das Deutsche Requiem würde mich auch sehr reizen, das ist ein wunderbares Werk. Ich kann mir vorstellen, ähnlich wie ich es in Beethovens Neunter getan habe, dass wir mit weniger Vibrato, weniger starken Akzenten spielen würden, damit die Sänger nicht schreien müssen.

M&T: Haydn ist ein wichtiger Pfeiler in Ihrem Repertoire gewordenen.

Ton Koopman: Ja, unterdessen habe ich mehr als die Hälfte seiner Sinfonien aufgeführt.

M&T: Sind da auch alle gut, so wie bei Bach die Kantaten?

Ton Koopman: Bach bleibt in dieser Beziehung unübertroffen, aber auch bei Haydn habe ich noch keine wirklich schwachen Stücke gefunden. Beim NHK Orchester in Tokio wollen wir alle Londoner Sinfonien aufführen. Ich habe noch nicht alle gemacht, dafür «Eurydike», die Oper aus jenen Jahren, ein wunderbares Stück, von dem ich nicht verstehe, dass sie nie gespielt wird. Die Pariser Sinfonien habe ich auch nur zur Hälfte gemacht. Die Concertanten finde ich neben den Sinfonien sehr interessant. Es ist jeweils sehr reizvoll, den Solisten aus den Orchestern mit diesen Werken eine Plattform zu geben, auf der sie sich zeigen können.

M&T: Sie weiten ihren Wirkungsradius also ins 16. und auch 19. Jahrhundert aus. Aber die künstlerische Heimat bleibt das 18. Jahrhundert?

Ton Koopman: Ja, ganz klar, da kenne ich mich aus. Ich habe lange gesagt, das Mozart-Requiem sei mein Testament auf der Zeitachse. Darüber bin ich nun ja schon sehr oft hinausgegangen. Ich kann mir auch vorstellen, zum Beispiel die «Symphonie fantastique» mal zu dirigieren, aber nur, wenn ich genügend Zeit dafür kriege, so wie ich es für die Neunte von Beethoven hatte. Wenn man solche Werke zum ersten Mal macht, muss die Vorbereitung fundiert sein. Und es muss auch einen Sinn haben, dass ich das mache, ich muss etwas damit zu sagen haben. Ich will ja nicht nur eine schlechte Kopie von meinen Kollegen abliefern. Bei Beethoven habe ich mir sehr viele Gedanken zur Hierarchie der Sforzati gemacht, damit die nicht alle gleich laut sind. Man hat in den modernen Ausgaben alle Sforzati, die man in den verschiedenen Quellen gefunden hat, mit aufgenommen. Das sind aber viel zu viele, so wurde das nie gespielt. Und nicht jedes war einfach ein schroffer Akzent, so wie es bei Schubert Zeichen gibt, die man eher als «messa di voce» interpretieren soll. Auch bei Haydn: Wenn da ein Sforzando steht, dann ist es nicht einfach ein Knall. Ich bin kein Purist, ich sage nicht: kein Vibrato, aber ich sage: wenig Vibrato, und fang‘ nicht an mit vibrieren, bevor der Ton da ist, lass ihn sich erst mal entwickeln, dann konturierst du ihn vielleicht mit Vibrato und dann hörst du auch mal wieder auf damit. Auf diese Weise habe ich mit vielen traditionellen Sinfonieorchestern gearbeitet, etwa mit der Tonhalle, mit Lyon, auch den Berliner Philharmonikern, und man lernt natürlich auch deren Sprache ein wenig dabei.

M&T: Wenn wir eine Zeitmaschine hätten, mit der Sie ins 18. Jahrhundert reisen könnten, würden Sie sich da zurechtfinden?

Ton Koopman: Ich würde mich gerne im frühen 18. Jahrhundert umsehen. Aber ich weiss auch, dass das eine sehr gefährliche Zeit gewesen wäre, und nur die gesundheitlich Stärksten überlebten. Ich würde also nicht zu lange da bleiben wollen. Den Armen damals ging es natürlich sehr schlecht, das war nichts anderes als ein dauernder Kampf ums Überleben. Da geht es uns heute schon viel besser mit unserer medizinischen Versorgung für alle und unserer abwechslungsreichen und gesunden Ernährung.

Ton Koopman

• 10. September, 9.00 und 10.30 Uhr: «Caecilia», Musiktheater für Kinder mit Marieke Koopman und Carlo Camagni (Schauspieler) und Ton Koopman (Orgel) • 13. September, 19.30 Uhr: «Bach and Sons». Zermatt Festival Orchestra, Christophe Horak (Violine), Ton Koopman (Leitung); Bach: Brandenburgische Konzerte Nr. 1 und 3, C. ... Weiter
Ausgabe: 09 - 2019