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Bild: Olivia Item-Aebli/Südostschweiz

Roman Weishaupt: «Mich interessieren auf der Bühne Geschichten, in denen sich die Leute im Saal wieder erkennen.»

 

Roman Weishaupt vor seiner ersten Spielzeit als Direktor des Theaters Chur – unter besonderen Vorzeichen
Authentische 
Geschichten
Klar hat er sich seinen Start als neuer Theaterdirektor in Chur anders vorgestellt. Doch genauso wie alle andern musste sich 
Roman Weishaupt den alles abrupt auf den Kopf stellenden Corona-Voraussetzungen stellen. Und er muss auch weiterhin 
mit den damit verbundenen Unsicherheiten und Fragen leben und planen. Geblieben ist sein entschiedener Wille, ein Theater zu verwirklichen, welches das lokale und regionale Leben reflektiert und gleichzeitig den kritischen Blick von aussen mit einbezieht.

Andrea Meuli

«Überall geschieht da 
das ganze Leben, von der Geburt bis zum Tod»

M&T: Das neue Logo für das Theater Chur lässt in seiner geschwungenen Bogenform an einen Zirkuseingang denken. Ein Zufall oder gewollt?

Roman Weishaupt: Ich möchte, dass die Leute sich angesprochen fühlen, das Theater zu erkunden – hereinzuschauen, was da geschieht. Der runde Bogen des Logos wirkt einladend. Ob die Assoziation Zirkus geweckt wird oder etwas anderes mag Zufall sein – aber ich verbinde Zirkus immer mit einem positiven Erlebnis: Man fühlt sich in dieser Zeltarena geborgen, und es geschieht Spektakuläres. Das will ich auch mit dem Theater Chur verwirklichen – dass das Theater die Zuschauer immer wieder überrascht und sie gerne wieder kommen.

M&T: Kunst und Künstler mussten in der Zeit der Bewältigung aller durch Corona verursachten Probleme schmerzhaft erfahren, dass ihnen, zumindest von der Politik, keine grosse Bedeutung beigemessen wurde. Gerade das Theater beruft sich immer wieder auf seine gesellschaftliche Wichtigkeit. Spielt man sich da selbsttäuschend etwas vor?

Roman Weishaupt: Das Theater ist systemrelevant und spielt für die Gesellschaft eine wichtige Rolle. Doch wenn die Katastrophe hereinbricht, dann weiss ich: Zuerst muss ich für mein Überleben sorgen, erst danach habe ich Zeit, mich um andere Dinge zu kümmern. Als Bauernsohn bin ich damit aufgewachsen, dass zuerst auf jeden Fall das Heu in den Stall gebracht werden musste, erst danach durfte ich Fernsehen schauen oder mein Buch lesen. Und die Erfahrung, die wir nun gerade als Theaterkünstler gemacht haben – obwohl die Politik in den letzten Jahren immer wieder ausgesprochen hat, wie wichtig Kunst und Kultur für die Gesellschaft seien –, war nun halt doch eine andere. Wir mussten einsehen, dass – wenn es darauf ankommt – genau diese Bereiche die ersten sind, bei denen finanzielle Mittel gestrichen werden. Dessen sollten wir uns bewusst sein, uns jedoch nicht einschüchtern lassen. Ich bin überzeugt davon, dass in der Gesellschaft sehr wohl ein tiefes Bedürfnis nach kultureller Bildung, nach den schönen Künsten vorhanden ist. Denn diese Erlebnisse machen das menschliche Wesen erst aus.

M&T: Auch Ihre Euphorie des Anfangs wurde in diesem Frühjahr jäh erdrückt. Wie viel von Ihren Plänen hoffen Sie – Stand Mitte Juli – doch noch zu retten?

Roman Weishaupt: Ich bin tatsächlich euphorisch an das Programmieren meiner ersten Spielzeit herangegangen, auch mit vielen internationalen Gastspielen. Wegen Corona bin ich dann – für diesen ersten Herbst – umgeschwenkt auf Schweizer Theaterproduktionen. Allerdings sehe ich darin keine Abschwächung des Profils, wir wurden einzig gezwungen, anders zu denken, anders zu planen. Es hat sich daraus künstlerisch jedoch ein sehr spannendes Programm herausgeschält.

M&T: Also weniger Bedauern darüber, was nicht stattfinden kann, als der Impuls zu einem kreativen Prozess?

Roman Weishaupt: Meine beiden Dramaturginnen und ich hatten das Programm zusammen, als es diesen harten Einschnitt wegen Corona gab. Da mussten wir uns tatsächlich radikal fragen: Wie gehen wir damit um? Innert zwei Wochen haben wir das ganze Programm umgestellt. Wir haben sofort das Gespräch mit den eingeladenen Gruppen gesucht und die vorgesehenen internationalen Gastspiele auf die nächste Spielzeit verschoben. Es war ein sehr intensiver Prozess, und jedes Verschiebenmüssen hat uns natürlich geschmerzt.

M&T: Mussten Sie programmatische Linien Ihres ersten Spielplans opfern?

Roman Weishaupt: Nein, die Linien wurden anders gezogen. Aber unser programmatisches Bekenntnis zu einem sinnlichen, zu einem lustvollen Theater, das die Befindlichkeit der Leute vor Ort widerspiegelt, ist geblieben.

M&T: Sie wollen in Chur «ein weltoffenes und zugleich lokal verankertes Theater» verwirklichen. Was verstehen Sie konkret darunter?

Roman Weishaupt: Mich interessieren auf der Bühne Geschichten, in denen sich die Leute im Saal wiedererkennen. Geschichten also, zu denen das lokale Publikum einen ganz individuellen, unmittelbaren Bezug hat. So wird zum Beispiel mit «Les Italiens» die Geschichte von Italienern gezeigt, die während der Fünfziger- und Sechzigerjahre in die Schweiz einwanderten. Das sind heute pensionierte Herren, die ihre Sicht auf die Schweiz, ihre Lebenserfahrungen vermitteln. Solche Lebensgeschichten kennen wir auch hier in Chur, in Graubünden, in der Ostschweiz. Und wie der Regisseur Massimo Furlan damit sehr opulent, sehr bildlich umgeht, das macht für mich weltoffenes Theater aus: Die lokale Verankerung wird in Zusammenhang mit der Welt gebracht, mit Themen, die uns alle beschäftigen.

M&T: Wie viel an Kontroverse, an Widersprüchlichkeit lässt ein Haus wie Chur zu? Oder anders formuliert: Wie viel an Risiko, an programmatischer Widerborstigkeit kann ein solches Theater wagen?

Roman Weishaupt: Widersprüche sind nötig, damit ein Theater lebt und lebendig bleibt. (Lacht) Was die Widerborstigkeit betrifft, so sind die Bündner ja selber ein gutes Beispiel dafür… Man kommt nicht so einfach an die Leute heran. Mein Ziel ist es, ein vielschichtiges Programm für ein breites Publikum aufzustellen. Es liegt mir daran, dass wir auch ein Publikum bedienen, das sich ein etwas provozierendes Theater wünscht, ein Theater, welches auch Diskussionen auslöst. Ein Theater aber auch, welches gut erzählte Geschichten für Herz und Seele auf die Bühne bringt.

M&T: Sie wollen mit Ihrem Programm ein breiteres Publikum an das Theater Chur binden. Das sagt jede neue Direktion eines Hauses. Was unternehmen Sie konkret, damit dies gelingt?

Roman Weishaupt: Konkret beginnt es mit unserer Eröffnungsproduktion «La müdada», eine Produktion mit sogenannten Expertinnen und Experten des Alltags aus der Region auf der Bühne, mit Leuten also, die hier leben. Mit Uta Plate und Stefan Bläske inszenieren zwei arrivierte Theaterleute aus der internationalen Szene diese Produktion. Einerseits gewährleistet das den Blick von aussen, andererseits – davon bin ich überzeugt – werden durch diese Art von Theater ganz neue Leute einen Zugang zum Haus finden.

M&T: Wie wichtig ist Ihnen eine unverkopfte Sinnlichkeit des Theaters?

Roman Weishaupt: Theater lebt vom Spiel. Spielen ist ein Urinstinkt des Menschen. Das bedingt ein unmittelbares Sicheinlassen auf etwas, was geschieht. Man denkt nicht zuerst darüber nach, sondern beginnt gleich spontan zu spielen. So wie Kinder, die man in einen Sandkasten lässt, sofort mit dem Sand zu spielen beginnen und ihre Fantasie schweifen lassen. Das entspricht meinem Theaterverständnis: Das Spiel steht im Vordergrund. Die Reflexion danach, zu vermitteln, was das Spiel mit einem macht, ist die Aufgabe unseres Theaterteams: den Gedanken und Ideen einen Raum zu geben, damit sich die Leute darüber austauschen können, was das Spiel in ihnen ausgelöst hat.

M&T: Das Tiefgründige hinter dem Leichten sozusagen…

Roman Weishaupt: Richtig! Schön formuliert.

M&T: Was sind Ihre Leitgedanken, damit das Theater Chur vermehrt als ein Ort von Begegnungen über spezialisierte Interessen hinaus belebt wird?

Roman Weishaupt: Einerseits wollen wir mit unserem Programm möglichst verschiedene Menschen ansprechen. Dazu gehört, dass wir die einzelnen Produktionen gezielt vermitteln. Und wir möchten Diskussionsplattformen anbieten. Ich verstehe mich daher auch als Gastgeber. Die Besucherinnen und Besucher sollen sich als Gäste willkommen fühlen. Um eine solche Atmosphäre zu schaffen, spielt für mich die Theaterbar eine zentrale Rolle. Dafür müssen wir uns eine pragmatische, aber dennoch anziehende Lösung einfallen lassen.

M&T: Erhoffen Sie sich davon, dass sich die durchaus divergierenden Interessen und Vorlieben aller Theaterbesucherinnen und -besucher eher durchmischen?

Roman Weishaupt: (Denkt nach) Es muss sich auch nicht alles vermischen. Ich kann durchaus dazu stehen, dass es ganz unterschiedliche Interessen gibt. Es liegt ja im Sinn der Sache, dass zu einem leicht beschwingten Programm oder zu einem provozierenden Theaterabend nicht dieselben Leute kommen. Diese Offenheit ist mir wichtig: Das Haus soll allen offen stehen. Wenn wir ganz verschiedene Publika glücklich machen können, bin ich es als Theaterleiter auch. Dabei bin ich mir bewusst, dass wir nie alle Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen können.

M&T: Sie starten Anfang Oktober mit einem Projekt, das sich auf einen Roman des Engadiner Autors Cla Biert beruft. Soll Lokalkolorit für ein breiteres Interesse sorgen?

Roman Weishaupt: Schon die Ankündigung, diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, stösst auf grosses Interesse. Auch bei Menschen, die bisher kaum einen Bezug zum Theater Chur hatten. Es ist die Aufgabe eines Theaters wie in Chur, seine Bedeutung als eine der wichtigsten kulturellen Institutionen im Kanton wahrzunehmen und zu manifestieren. Dazu gehört auch, lokale Geschichten auf die Bühne zu bringen. Nicht nur, um sich einerseits als Identifikationsplattform für das lokale Publikum anzubieten, sondern genauso, um in der internationalen Theaterszene künstlerisch wahrgenommen zu werden. Um das zu erreichen, müssen wir uns überlegen, welche Geschichten wir so nur hier erzählen können – also authentische Geschichten, die sich hier abgespielt haben. Nur so kann sich das Theater Chur auch im internationalen Kontext profilieren.

M&T: Gibt es einen thematischen Leitfaden durch Ihre erste Spielzeit – so, wie sich das Programm nun präsentiert?

Roman Weishaupt: Es gibt verschiedene thematische Schwerpunkte, was ich in den nächsten Jahren programmatisch so beibehalten möchte. Dass wir schauen, welche Themen uns beschäftigen. Der Herbst steht jeweils unter dem Motto: «Wir sind mittendrin». Es heisst ja immer, Chur liege in der Provinz, Graubünden sei eine Randregion, und die Täler sind dann nochmals Randregion der Randregion. Wenn ich jedoch bedenke, dass in dieser Region über 200 000 Menschen leben, dann drängt sich die Behauptung auf: Wir müssen nicht die grosse Welt herbeiholen, wir sind selber mittendrin. Das möchte ich ausleuchten.

M&T: Es ist wohl fragwürdig, von der «grossen» und einer «kleinen» Welt zu reden…

Roman Weishaupt: … das ist so. Jedes Tal, jedes Dorf, jedes Quartier bedeutet eine Welt für sich. Überall geschieht da das ganze Leben, von der Geburt bis zum Tod, gibt es Freude wie Trauer. Was die Menschen vor Ort beschäftigt, wollen wir deshalb beobachten und jeweils im Herbst programmieren. Im nächsten Frühjahr widmen wir uns mit einem Schwerpunkt den Frauen. Im Februar sind es ja 50 Jahre her, dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt wurde. Anschliessend zum Frühlingserwachen beschäftigen wir uns im März mit Körperlichkeit sowie mit dem Umgang mit dem Körper auf der Bühne.

M&T: Das finanzielle Korsett des Theaters Chur ist eng. Wie frei können sich künstlerische 
Ideen und Gedanken dennoch entfalten?

Roman Weishaupt: Kreativität wird durch vorgegebene Leitplanken nicht unbedingt gehemmt. Man kann sich innerhalb gegebener Formen künstlerisch austoben. Wenn alles möglich ist, droht Beliebigkeit als Gefahr. Ich finde daher, dass Einschränkungen sehr wohl ein grosses kreatives Potenzial auslösen können.

M&T: Wo beginnt dabei die Ausbeutung?

Roman Weishaupt: Es gibt in der Schweizer Theaterszene zum Glück klare Richtlinien. Als Theaterleiter bin ich in der Verantwortung, diese Richtlinien einzuhalten, zu verteidigen und auch gegenüber den politischen Gremien zu vertreten. Wenn die politischen Träger eines Hauses mehr Theater wollen, müssen sie dafür auch mehr an finanziellen Mitteln zur Verfügung stellen. Aber es wäre falsch von mir, solchen Forderungen nachzugeben, ohne das notwendige Geld dafür zu bekommen. Weil das ganz eindeutig auf Kosten der Künstler ginge. Dies den Politikerinnen und Politikern zu vermitteln, ist meine Aufgabe.

M&T: Werden Sie selber inszenieren?

Roman Weishaupt: Ich habe mich entschieden, mich in meiner ersten Spielzeit auf die Leitung des Hauses zu konzentrieren. Später möchte ich gerne wieder kreativ werden und selber inszenieren. Es schwimmen Ideen herum, diese sind jedoch noch nicht spruchreif.

M&T: Bei allen gegenwärtigen Unsicherheiten und Hindernissen: Was ist Ihr Grundgefühl zweieinhalb Monate vor Ihrer ersten Premiere als Verantwortlicher des Theaters Chur?

Roman Weishaupt: Ich freue mich! Da­rauf, mich mit einem tollen neuen Team, das sich mit mir auf dieses Abenteuer einlässt, auf diesen Weg zu begeben, mich der Herausforderung zu stellen – und den Zuschauerinnen und Zuschauern viele schöne Momente am Theater Chur zu ermöglichen – und selber zu erleben! ■

 

Saisoneröffnung: «La Müdada», 
1. Oktober 2020

Informationen und Tickets 
(ab Mitte September):

www.theaterchur.ch

Ausgabe: 09 - 2020