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Szene

Bild: Andreas J. Etter / Theater St. Gallen

Die Geschichte der Waris Dirie (gespielt von Kerry Jean) als Musical in St. Gallen.

 

St. Gallen: «Wüstenblume» – die Geschichte der Waris Dirie als Musical
Aus der Wüste auf den Laufsteg

Reinmar Wagner

So hat wohl noch kein Musical aufgehört: Mit dem Rascheln von Papier, das zerknüllt wird. Es wurde nicht ganz klar, was uns der Regisseur Gil Mehmert damit hat sagen wollen. Dass Papier geduldig ist? Dass die Kraft des Wortes und der Vernunft, mit der Waris Dirie gegen die trotz aller Verbote in vielen Ländern und Gesellschaften hartnäckig praktizierte Beschneidung von Mädchen ankämpft, begrenzt ist angesichts von obskuren Stammestraditionen und skrupellosen gesellschaftlichen und religiösen Leadern, die noch immer für Leid und Tod von Tausenden von Kindern verantwortlich sind?

«Wüstenblume» ist die bewegende Geschichte eines dieser Opfer, die Geschichte des Mädchens aus Somalia, das mit dreizehn vor der Zwangsheirat zu Fuss durch die Wüste flüchtete, sich in Mogadischu und London als Dienstmädchen und Putzhilfe durchschlug, von einem Starfotografen entdeckt wurde und schliesslich eine glänzende Karriere als Top-Model einschlagen konnte. Waris Dirie heisst die heute 55-jährige Frau, die sich seit vielen Jahren engagiert einsetzt gegen die Beschneidung von Mädchen.

Sie hat ihre Geschichte unter dem Titel «Wüstenblume» schon 1998 in einer aufsehenerregenden Autobiografie erzählt, die 2009 auch verfilmt wurde. Und jetzt erhielt das Theater St. Gallen die Ehre, den Stoff zum ersten Mal als Musical zu produzieren. Gewonnen dafür wurde Uwe Fahrenkrog-Petersen, ein sehr erfolgreicher deutscher Songschreiber, der zum Beispiel Nenas Welthit «99 Luftballons» komponiert hat – und ihn auch kurz zitiert, wenn sich Waris und ihre Freundin Marilyn in einer Londoner Diskothek vergnügen.

Zusammen mit Gil Mehmert, der für Story und Text verantwortlich ist, hat sich Fahrenkrog-Petersen die Stationen dieses ereignisreichen Lebens vorgenommen – allerdings etwas zu ereignisreich für ein Musical, und den Mut zur Lücke haben die beiden Schöpfer nicht gehabt. So jagen sich vor allem im ersten Teil die Szenen und Stationen in fast schon atemlos dichter Folge. Viele Song-Ideen werden nur kurz angetippt – manche kehren danach wieder, andere bleiben Episode, was auch zur Folge hat, dass bis zum Titelsong, der kurz vor Ende des ersten Teils auftaucht, kaum ein musikalischer Gedanke hängen bleibt.

Im zweiten Teil wird es etwas besser – da ist zum Beispiel ein hübscher Tango für die Agenturchefin Veronica oder eine Ballade für den Schein-Ehemann O’Sullivan, der ins Spiel kommt, weil ein reisendes Top-Model natürlich einen brauchbaren Pass benötigt. Zwei Nummern auch, die deswegen überzeugen, weil beide Darsteller – Susanna Panzner und Jogi Kaiser – stimmlich-sängerisch die vielseitigsten Facetten im Ensemble offenbarten und am längsten der heute im Musical offenbar allgegenwärtigen Unsitte Widerstand leisteten, alle lauten Passagen mit enorm viel Druck auf der Stimme zu singen, worunter fast immer die Intonation leidet, gerade auch bei Kerry Jean, die die fast omnipräsente erwachsene Waris singt.

Dennoch erhält sie kaum Gelegenheit zu grossen Song-Momenten, zu dicht ist der Fahrplan der Szenen. Fahrenkrog-Petersen schreibt überwiegend rockig, mag Balladen, greift immer wieder zu afrikanischen Trommeln und anderen Rhythmusinstrumenten, bringt den umfangreichen Text zwischendurch aber auch in opernhaftem Parlando unter. Die Welt des Laufstegs und der Mode – deren Glanz und Glamour für ein Musical eigentlich ein gefundenes Fressen wären und auch choreografisch einiges hergeben würden – bleibt eher Episode. Viel mehr Raum nehmen die Nöte der kulturell entwurzelten jungen Frau und vor allem das Trauma der Beschneidung ein.

Diese Vorlage ist keine geringe Herausforderung für eine Regie, aber es ist Gil Mehmert virtuos gelungen, diesen lebhaften Reigen schnell aufeinander folgender Szenen zu arrangieren und schlüssig aneinander vorbei zu bringen. Eine grosse Hilfe ist das sehr bewegliche Bühnenbild von Christopher Barreca, der in der Not auch verspielt witzige Ideen einbringt. – Standing Ovation von einem begeisterten Premierenpublikum, und ein besonders herzlicher Applaus für den Ehrengast Waris Dirie.

 

 

Fahrenkrog-Petersen: «Die Wüstenblume». 
Theater St. Gallen, Uraufführung 22. Februar 2020. ML: R: Gil Mehmert, mit Kerry Jean, Susanna Panzner, Jogi Kaiser u.a.

Ausgabe: 05 - 2020