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musik

Bilder: Marco Borggreve/Warner Classics

Vilde Frang: «Das Violinkonzert von Britten ist zu einem Teil meiner selbst geworden.»

 

Die norwegische Geigerin Vilde Frang spielt das Violinkonzert von Benjamin Britten
«Als ob man um sein Leben 
kämpfen würde … »
Vilde Frang ist seit 15 Jahren auf den Konzertpodien der Welt zu Hause. Im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics tritt sie in Genf und Zürich mit Brittens Violinkonzert auf, einem Werk, zu dem sie eine besonders tiefe und intensive Beziehung aufgebaut hat.
«Man sollte nie nur eine einzige Meinung zu einem Stück haben. Auch nicht zu einem Menschen.»

Reinmar Wagner

M&T: Vilde Frang, Sie haben mit Dutzenden von Orchestern und Dirigenten gearbeitet. Wie gehen Sie an ein neues Projekt heran wie jetzt an Britten mit Sakari Oramo: Genügen ein paar Worte, oder sind Sie jemand, der sich in akribische Detail-Diskussionen stürzt?

Vilde Frang: Ich rede nicht so gerne über die Musik. Am meisten profitiert man meiner Meinung nach, wenn man zusammen spielt. Je weniger man spricht, desto mehr Raum hat die Musik. Es geht weniger um Diskussion und Dialog als um Intuition und Inspiration. Wenn die Chemie stimmt und alle gut drauf sind, wenn alle flexibel sind, dann geht das am besten.

 

M&T: Halten Sie es so bei jedem Stück, oder gibt es Unterschiede je nach Repertoire?

Vilde Frang: Diese Intuition und Offenheit sollten in jedem Stück vorhanden sein. Ich habe ja noch mein ganzes Leben mit der Musik vor mir. Sie soll sich auch mit mir entwickeln. Der Begriff «Liebe» hat im Alter von vier Jahren eine ganz andere Bedeutung als mit 14 oder 24. Mit Bach, Beethoven, Brahms ist es dasselbe: Sie wechseln, wachsen, man entdeckt neue Aspekte, manches bleibt, manches verwirft man, bei manchem merkt man, dass es nicht zu einem passt. Man sollte nie nur eine einzige Meinung zu einem Stück haben. Auch nicht zu einem Menschen. Das Natürlichste ist: Alles fliesst, alles verändert sich.

 

M&T: Interessant finde ich, dass Sie sich offenbar mit Anne-Sophie Mutter sehr gut verstehen, die mit ihrer ausgeprägten Kontrolle als Widerpart zu Ihnen erscheint.

Vilde Frang: Ihre Kontrolle ermöglicht ihr eine unglaubliche Freiheit. Sie ist 200 Prozent fokussiert auf die Partitur und hat eine derart klare Vorstellung im Kopf, die befreiend wirkt. Es beginnt 
alles mit der Achtung vor dem Komponisten und dem Werk. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit. Auf der Bühne waren wir uns komplett einig,
für mich eine sehr interessante und schöne Erfahrung.

M&T: Haben Sie sich auch von ihrem schönen Geigenklang inspirieren lassen?

Vilde Frang: Sie hat tatsächlich einen sehr speziellen Klang, aber mich immer ermuntert, meine eigenen Farben zu suchen. Ich fand diese Einstellung sehr inspirierend. Meine Klang-Ideale waren Jacqueline du Pré und Cecilia Bartoli. Ich liebe die Farben in Bartolis Stimme und wollte immer so klingen wie sie.

 

M&T: Vor allem die tiefen, dunklen, körperhaften Klänge fallen in Ihrem Spiel auf.

Vilde Frang: Mit der Vuillaume-Violine, die ich spiele, hatte ich am Anfang viel zu kämpfen. Das Instrument ist nicht perfekt, hat – wie ich – viele schlechte Seiten, die entwickelt werden mussten. Ich habe viel gelernt auf dem Weg, sie in den Griff zu bekommen. Und das war wundervoll für mich. Es wäre viel langweiliger, ein perfektes Instrument zu bekommen.

 

M&T: Welches Repertoire liegt Ihnen am nächsten?

Vilde Frang: Als junge Solistin soll man heute die grossen Werke im Repertoire haben. Aber das ist auch gefährlich. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass man einfach nichts spielen darf, was man nicht wirklich tief in sich fühlt und etwas damit zu sagen hat. Also sollte man sich fernhalten von den «tourist traps» im Repertoire und keine Pflichtübungen machen. Das habe ich auch schon lange nicht mehr getan.

 

M&T: Also neben Mozart und Tschaikowksy: Was kommt als Nächstes?

Vilde Frang: Vertieft Musik des 20. Jahrhunderts: Die Partita von Lutoslawski, die Konzerte von Korngold, Britten oder Bartók, auch von Alban Berg. Und ich bin ein grosser Fan von Sofia Gubaidulina. Anne-Sophie Mutter hat mir ihr Violinkonzert gezeigt, als sie an der Uraufführung arbeitete.

 

M&T: Mit Britten gastieren Sie jetzt auch in Zürich und Genf. Was fasziniert Sie an diesem Werk?

Vilde Frang: Wenn ich von etwas überzeugt bin, wenn ich das Gefühl habe, für einen Komponisten oder ein Werk regelrecht zu brennen, dann wird es wie eine Mission. So ist es mir mit Brittens Konzert ergangen. Ich fühle mich ihm sehr nahe, es gibt fast keine Fragen mehr. Ich habe das Stück nicht mehr bloss gespielt, sondern es ist zu einem Teil meiner selbst geworden – das ist der Seelen- und Bewusstseinszustand, den ich mir immer wünschen würde.

 

M&T: Sie haben das Violinkonzert von Britten auch eingespielt, zusammen mit demjenigen von Korngold. Zwei sehr verschiedene Werke, obwohl sie fast gleichzeitig entstanden sind.

Vilde Frang: Ich habe lange davon geträumt, die beiden Konzerte zu vereinen. Sie bieten ein geigerisches Feuer­werk, einen Ozean an Emotionen. Gerade Brittens Konzert hat mich schon beim ersten Hören fasziniert. Ich glaubte, einer neuen musikalischen Sprache zu lauschen, die ich unbedingt selbst beherrschen wollte. Inzwischen ist es eines meiner liebsten Stücke geworden. Es ist so immens tiefgründig.

 

M&T: Wie würden Sie Brittens Musik in diesem Werk beschreiben?

Vilde Frang: Die militärisch klingende Eröffnung erscheint wie eine Vorausahnung, was im Zweiten Weltkrieg passieren wird. Die Solovioline muss sich ständig behaupten, nicht nur gegen die Kraft des Orchesters, sondern auch gegen die Verführungen, die in den blühendsten Farben beschrieben werden. Aber sie darf nicht nachgeben, so schwierig es auch sein mag, Widerstand zu leisten. Man bleibt allein, und es fühlt sich fast so an, als ob man um sein Leben kämpfen würde. Tatsächlich habe ich mich nie näher am Tod gefühlt, als wenn ich dieses Werk spiele.

 

M&T: Sagen Sie, hat Ihr Vorname Vilde eigentlich etwas mit «wild» zu tun?

Vilde Frang: Ja, es hat. Aber ich glaube, es ist nicht als Etikett gemeint, wie man jemanden Hope oder Joy nennt. Genau weiss ich es nicht, ich habe noch nicht so viel über meinem Namen nachgeforscht. Es ist in Norwegen kein sehr üblicher Name. Im Kindergarten war ich traurig,
dass niemand so hiess, aber als ich dann
sogar in der Zeitung eine andere Vilde Frang gefunden habe, da war ich fast ein bisschen enttäuscht. ■

Migros-Kulturprozent-Classics

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op. 15 Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 6 «Pastorale» Zür ... Weiter

Rasch aus Rattles Schatten

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Ausgabe: 03 - 2018