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Bild: Jiyang Chen / Warner Classics

Jakub Orlinski: «Natürlich kann ich in Shorts genauso gut singen wie im Anzug.»

 

Jakub Jozef Orlinski – ein neuer Paradiesvogel unter den Countertenören
«Alles neu für mich!»
Er singt Vivaldi in Shorts, gibt auch mal eine Breakdance-Einlage auf der Opernbühne oder singt Händel mit Steinway-Begleitung. Aber vieles, was so leicht und unbekümmert daherkommt, ist sehr genau überlegt beim polnischen Countertenor Jakub Jozef 
Orlinski. Der junge Mann weiss mit 28 Jahren, was er tut. Im November kommt er ans Opernhaus Zürich und singt in der 
Neuproduktion des Händel-Oratoriums «Belshazzar». Wir trafen ihn zum Interview nach seinem Liederabend an der Oper Frankfurt.

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«Ich war der Jüngste, so musste ich Sopran singen»

M&T: Sie konnte wohl nicht fehlen, die Vivaldi-Arie «Vedrò con mio diletto» als Zugabe bei Ihrem Liederabend in Frankfurt?

Jakub Orlinski: Es ist eines meiner Markenzeichen geworden, wieso soll ich es nicht singen? Es ist eine wundervolle Arie, voller Emotionen und Kontraste. Ich habe keine Mühe damit, dass mein Publikum dieses Stück von mir erwartet.

M&T: Ein Youtube-Hit mit millionenfachen Clicks ist das Stück vor allem deswegen geworden, weil Sie in diesem Film so unverkrampft jung und unkompliziert wirken.

Jakub Orlinski: Das war eigentlich ein Missverständnis. Die Anfrage für diese Aufnahme kam während des Festivals in Aix-en-Provence, sehr kurzfristig, weil jemand anderes abgesagt hatte. Wir waren am Feiern nach der Premiere von «Erismena» und man sagte uns, es sei eine Aufnahme für Radio France Musique. So sind der Pianist und ich in unserer normalen Sommerkleidung hingefahren. Es war sehr heiss, natürlich waren die Hosen kurz. Dass dann da doch auch Kameras für einen Live-
Stream standen, haben wir erst gemerkt, als es zu spät war, uns seriöser anzuziehen. Diese Attitüde war also überhaupt nicht kalkuliert von unserer Seite, sondern reiner Zufall. Aber natürlich kann ich in Shorts genauso gut singen wie im Anzug.

M&T: Ihr anderes jugendliches Markenzeichen, der Breakdance, hat das Publikum auch schon öfter von Ihnen zu sehen bekommen. Warum nicht gestern in Frankfurt?

Jakub Orlinski: So was passt nicht immer. Ich will nicht ein Clown sein, der Faxen macht. Ich will natürlich ernst genommen werden als Sänger und ich tue alles, was ich kann, um mit meinen Interpretationen und mit meinen musikalischen und stimmlichen Fähigkeiten den Stücken, die ich ausgewählt habe, gerecht zu werden.

M&T: Auf der Opernbühne haben Sie aber auch schon Breakdance-Einlagen gezeigt, und ganz offensichtlich sind Sie sehr gut darin.

Jakub Orlinski: Ich trainiere Break­dance auch sehr regelmässig und seriös und messe mich an Wettkämpfen mit anderen Tänzern und Gruppen. Das ist ein gewisser Ausgleich für mich, eine sportliche Herausforderung, die ich sehr liebe. Auf der Opernbühne kann das ja auch gut passen, zum Beispiel in Cavallis «Eris­mena», ebenfalls in Aix-en-Provence, da gab es diesen Moment, in den eine solche Szene stimmig eingebaut werden konnte. Aber ich würde mich nie darauf einlassen, wenn mein Gesang darunter zu leiden hätte. Ich brauche die Zeit, mich zu konzentrieren, und die Zeit, mich davon zu erholen, denn natürlich sind solche Figuren körperliche Höchstleistungen.

M&T: Vor denen Sie offenbar wenig Angst haben: Im Frankfurter «Rinaldo» sangen Sie die Titelrolle, waren fast ständig nicht nur auf der Bühne, sondern auch fast immer in Bewegung.

Jakub Orlinski: Nun ja, es ist tatsächlich so, dass ich körperlich ziemlich fit bin und ich tue ja auch einiges dafür. Ich mag es auch, wenn ich die Getriebenheit und Ruhelosigkeit einer solchen Opernfigur damit unterstreichen und das szenische Profil einer Rolle anreichern kann. Aber es muss sehr genau getimt und geprobt sein. Auch wenn es locker und spontan aussieht, dahinter ist nichts, was man einfach so ein bisschen spielerisch aus dem Ärmel schüttelt. Aber es macht natürlich sehr viel Spass, diese Figur auf der Bühne zu verkörpern: Ein Ritter, der verliebt ist und alles tut, seine Geliebte zu retten. Er ist jung, kraftvoll, spontan, ein Held – natürlich spiele ich eine solche Figur sehr gerne.

M&T: Haben Sie einem Regisseur auch schon mal Nein gesagt?

Jakub Orlinski: Es war bisher nie nötig, total auf Konfrontation zu gehen. Ich höre einem Regisseur gerne zu, was er für Pläne hat mit dem Stück und den Figuren, und wenn es mir einleuchtet, dann mache ich gerne mit und setze mich dafür ein. Bisher habe ich es eigentlich immer so erlebt, dass Inszenierungen in weiten Teilen gemeinsam erarbeitet werden. Natürlich hat der Regisseur einen Plan und ein Konzept, aber was man mit den Figuren im Detail macht, das ergibt sich meistens gemeinsam aus der direkten Arbeit während der Proben.

M&T: Sie haben in Warschau studiert und sind dann an die Juilliard School gegangen. Warum gerade New York? Wegen der Breakdancer?

Jakub Orlinski: Wenn du von Polen aus in die Welt gehst, warum nicht New York? Ich habe es nie bereut, und die Juilliard School war ein sehr hartes, aber auch sehr effizientes Training für mich als Sänger und als Musiker. Für das Breaken hat es nicht so eine grosse Rolle gespielt. Die Verbindungen und Kontakte in dieser Szene hatten wir schon davor.

M&T: Dass Sie das Stimmfach Countertenor wählten, war ein Zufall, oder?

Jakub Orlinski: Ich war Bassbariton und habe elf Jahre in einem Chor gesungen. Eines Tages wollten wir in einem kleineren Ensemble Renaissancewerke einstudieren, und die Frage kam auf: Wer singt die hohen Stimmen. Jeder Mann kann in der Falsett-Lage singen, ich war der Jüngste, und so war das entschieden. Aber es hat mich fasziniert, ich habe Gefallen gefunden an dieser Stimmlage und mich darauf konzentriert. Aber am Anfang war es hart. Niemand will einen Countertenor-Anfänger hören, es ist wie bei den Geigern in den ersten Monaten – einfach schrecklich. Wie überall in der Musik gilt: man muss üben, üben, üben. Irgendwann lernt man, das Volumen zu generieren, dann lernt man, damit die grossen Räume zu füllen, die Ausbildung eines Countertenors unterscheidet sich kein bisschen von den anderen Sängern.

 

M&T: Für unsere Ohren aber hat dieser Gesang doch etwas Leichtes, Schwereloses, auch Reines. Oder sind das nichts als unsere Hörgewohnheiten?

Jakub Orlinski: Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall hat mich der reine Klang der King’s Singers schon immer fasziniert, dem wollte ich nacheifern.

M&T: Tatsächlich singen Sie selbst in den romantischen Liedern, die Sie aus Polen mitgebracht haben, mit relativ wenig Vibrato und kaum Portamento, wie wir gestern hören konnten.

Jakub Orlinski: Das ist wohl richtig, obwohl ich das nicht mit demonstrativer Absicht so mache. Ich versuche schon, das Farbenspektrum der romantischen Klangwelt auszuschöpfen, wenn ich Szymanowski oder Tadeusz Baird singe. Sonst würde diese Musik nicht wirklich lebendig werden.

M&T: Gibt es eigentlich in der Romantik Lieder-Komponisten, die sich besonders für die Counter-Lage eignen? Oder können Sie grundsätzlich alles singen? Ist Countertenor einfach eine Stimmlage wie jede andere auch?

Jakub Orlinski: Genauso ist es. Es ist einfach eine Stimmlage, in der man grundsätzlich alles singen kann. Dass Lieder transponiert werden, ist ja schon immer normal gewesen, so machen wir es auch. In der Oper ist es natürlich anders, da kann ich nicht einfach kommen und vom Dirigenten verlangen, zwei Töne tiefer zu spielen, weil das Tonarten-Konzept des Werks sonst auseinanderfällt. Ich habe ja nicht wirklich eine hohe Stimme, eigentlich ein Alt. Es gibt männliche Sänger, die viel höher in der Sopranlage singen können. Das sind Grenzen meiner Stimme, die ich akzeptieren muss. Aber was das Lied betrifft, da kann ich alles singen für das ich mich musikalisch reif fühle.

M&T: Also könnte es auch bald eine Schubert-«Winterreise» von Ihnen geben?

Jakub Orlinski: So bald vielleicht nicht, aber es ist durchaus denkbar.

M&T: Vorerst haben Sie für ziemlich viel Aufsehen gesorgt mit Ihrem Debüt-Album «Anima sacra» zusammen mit dem Ensemble Il Pomo d‘Oro, geleitet von Maxim Emelyanychev. Fast alle Nummern darauf sind Ersteinspielungen von Arien aus geistlichen Werken des italienischen Barocks.

Jakub Orlinski: Italienischer Barock ja, aber auch von Komponisten wie Zelenka, Heinichen oder Hasse, die nicht in Italien wirkten, aber dem neapolitanischen Stil des Spätbarocks zugerechnet werden können. Ich wollte nicht einfach Hits von Händel und Vivaldi aneinanderreihen, sondern etwas zeigen, was die Leute nicht kennen. Mein Freund Yannis François hat aus dem noch immer für viele nicht überschaubaren Gebiet der italienischen Barockmusik vergessene Stücke ausgesucht, und wir haben daraus ein Programm zusammengestellt. Acht Nummern auf der CD sind Weltpremieren, von Komponisten wie Francesco Fago, Terradellas, Domenico Sarro, Gaetano Schiassi, und es hat mir sehr viel Freude gemacht, in die Klangwelt jeder einzelnen einzutauchen, ohne ein direktes Vorbild zu haben und diese Stücke für unsere Zeit wieder lebendig werden zu lassen.

M&T: Was auffällt, nicht nur auf der CD, sondern auch gestern im Konzert: Ihre Verzierungen in der Wiederholung des A-Teils der Da-capo-Arien sind sehr ausgefeilt und sprechen eine sehr persönliche Sprache.

Jakub Orlinski: Darauf bin ich stolz. Ich mach das sehr bewusst und schreibe diese Verzierungen immer selber. Ich habe während des Studiums sehr viel gelesen, was die Theoretiker und Musiker der Barockzeit darüber geschrieben haben, und ich will bis heute immer alles wissen was jemand über den Gesang dieser Epoche gesagt hat. Die grossen Sänger jener Zeit haben das möglicherweise mehr spielerischer und improvisierter getan, haben vor allem die Vorzüge ihrer Stimmen in den Vordergrund gestellt – das mache ich natürlich auch. Aber ich will einerseits unverwechselbar sein und persönlich und andererseits nicht aus dem Stil fallen. Das ist mir sehr wichtig und ich verwende viel Zeit darauf, diese Verzierungen auszutüfteln und auszufeilen.

M&T: Gibt es Vorbilder darin? Wie orientieren Sie sich in den vielen Möglichkeiten, die Sie tatsächlich haben in dieser Musik?

Jakub Orlinski: Ich komme aus einer Familie, in der eigentlich jeder ein Maler, Architekt, Bildhauer oder Grafiker war. Und so sehe ich die Möglichkeiten in der barocken Verzierungskunst auch ein wenig wie ein Bildhauer oder Maler. Es gibt stilistische Regeln, es gibt viele Vorbilder, aber gleichermassen gibt es sehr viele Momente der Entscheidung, lange schon, bevor es um die Finessen der Verzierungen geht, nur schon das Grundtempo zum Beispiel, das im gleichen Stück durchaus sehr verschieden empfunden werden kann. Aber wenn es dann in die Verzierungen geht, dann zeigst du als Sänger wirklich dein wahres künstlerisches Gesicht. Wie du die dynamischen Abläufe gestaltest, wie du ein Wort betonst, wie du kurz innehältst oder beschleunigst, das ist genauso wie ein Maler die wirklich richtige Farbe für einen bestimmten Fleck auf der Leinwand mischt. Darin hat die Barockmusik eine unglaubliche Faszination für mich.

M&T: Ihre zweite Solo-CD, wieder mit Il Pomo d‘Oro und Emelyanychev, erscheint im November. Diesmal mit Arien aus der Opernwelt, aber auch wieder mit vielen Ersteinspielungen.

Jakub Orlinski: Die Barockzeit ist so reich an guter Musik. Wir haben wiederum ein Programm zusammengestellt, das fast ausschliesslich aus Weltersteinspielungen besteht. Es sind diesmal Stücke, die eine Geschichte erzählen oder eine Situation beschreiben über einen liebenden Mann, und das nicht nur von seiner leidenschaftlichen oder verliebten Seite, sondern auch Situationen, die von Eifersucht, Hass oder sogar Wahnsinn gezeichnet sind.

M&T: Den barocken Teil Ihres Konzerts bestritten Sie mit Ihrem Begleiter am Steinway, wie Sie das oft tun. Kein Stilbruch?

Jakub Orlinski: Natürlich hätte ich lieber ein Barock-Ensemble, das ist aber aus praktischen Gründen nicht oft möglich. Den Flügel allerdings finde ich besser als ein Cembalo, und mein Freund Michal Biel ist ein wirklich sensibler Begleiter, der auch für Händel die passenden Klangfarben und Anschlagsnuancen findet. Er ist nicht nur ein sehr guter Freund, er ist für mich auch der beste Pianist, den ich mir denken kann.

M&T: Im November singen Sie in Zürich in Händels Oratorium «Belshazzar» mit Laurence Cummings in einer Inszenierung von Sebastian Baumgarten. Schon in die Noten geschaut?

Jakub Orlinski: Sicher! Und ich freue mich, auch wenn meine Rolle nicht riesig ist. Interessant ist, dass es ein Oratorium von Händel ist, keine Oper. Der Stil ist doch recht verschieden, der Chor spielt eine grosse Rolle, die Instrumentation ist reicher. Ich bin gespannt, sowohl auf den Dirigenten, das Orchester, den Regisseur und das Haus. Alles neu für mich! ■

 

Jakub Orlinski singt in der Neuproduktion des Händel-Oratoriums «Belshazzar» am Opernhaus Zürich. Premiere ist am 3. November. Die Inszenierung stammt von Sebastian Baumgarten, das Orchestra La Scintilla wird geleitet von Laurence Cummings. Neben Orlinski singen Mauro Peter, Evan Hughes, Layla Claire und Tuva Semmingsen.

Die CDs von Jakub Orlinski

  • «Anima sacra». Geistliche Musik von Fago, Heinichen, Terradellas, Sarro, Feo, Zelenka, Hasse, Schiassi und Durante. Jakub Jozef Orlinski, Il Pomo d‘Oro, Maxim Emelyanychev. Warner 2018 • Neu: «Facce d‘Amore». Arien von Cavalli, Händel, Alessandro Scarlatti, Bononcini, Conti, Hasse, O ... Weiter
Ausgabe: 11 - 2019