Syndicate content


festival

Komponisten wie Rachmaninow und Skrjabin oder der Dichter Lew Tolstoi haben am Vierwaldstättersee ihre Spuren hinterlassen.

 

Reflexion um Heimat und Identität – das «Zaubersee Festival» 2019 des Luzerner Sinfonieorchesters
Abseits 
programmatischer 
Trampelpfade
Sieben Jahre sind es her, dass das Festival «Zaubersee» des Luzerner Sinfonieorchesters aus der Taufe gehoben wurde. 
Mit diesem «Kammermusik-Festival russischer Musik in Luzern» wird alljährlich im Mai daran erinnert, dass die Schweiz stets 
ein Rückzugs- und Zufluchtsort für die russische Kulturelite war. Auch mit der diesjährigen achten Auflage – erneut mit 
zahlreichen Werken, die man sonst kaum zu hören bekommt – geht die spannende Reflexion um Heimat und Identität weiter. 
Heuer dreht sich alles um das Jahr 1919.
Die Schweiz – Rückzugsund Zufluchtsort für die russische Kulturelite vor hundert Jahren.

Marco Frei

«Zaubersee erzählt auch 
in diesem Jahr eine konzise Geschichte»

In der Klassik-Welt gibt es unzählige Festivals, aber nur wenige wirklich gute. Ein solches Festival erkennt man daran, dass es Sinn und Sinnlichkeit konzis zusammenführt, auch die Nische riskiert und das Besondere wagt. Bei einem solchen Festival gastieren eben nicht die ewig selben Stars und Sternchen der Szene mit den ewig gleichen, austauschbaren Programmen. Ein solches Festival entwirft alljährlich einen dramaturgisch roten Faden, um originär Eigenes zu entwerfen – und damit einmalige Erlebnisse anzubieten.

Denn wer einzig auf Unterhaltung setzt, eine kommerziell erfolgversprechende, aber gehaltlose Kulinarik zelebriert, macht sich beliebig – und damit verzichtbar. Von solchen austauschbaren Reihen ist die Musikwelt übersät. Im Grunde braucht sie niemand. Das Zaubersee Festival des Luzerner Sinfonieorchesters ist ein solches gutes Festival – obwohl es keineswegs einfach ist, sich in Luzern mit einem eigenständigen Festivalprogramm abzuheben. Immerhin ist die Stadt am Vierwaldstättersee Heimat des überaus umtriebigen und auch innovativen Lu­cerne Festival. Mit drei Ausrichtungen im Jahr – dem Hauptfestival im Sommer, einer Osterreihe sowie einem Klavierfestival im Herbst – zählt das Lucerne Festival zu den Massstab setzenden, klugen «Hot­spots» der Klassik-Welt. Als Partner ist auch das Luzerner Sinfonieorchester jeweils beim Lucerne Festival vertreten.

Trotzdem setzt das Orchester darüberhinaus mit seinem Zaubersee Festival eigene, überaus wert- und verdienstvolle Akzente. Seit 2012 wird alljährlich im Frühsommer daran erinnert, dass die Schweiz stets ein beliebter Rückzugsort für die russische Kulturelite war.

Dass ein Orchester sein eigenes Festival veranstaltet, ist keineswegs einzigartig. Auch der Fokus auf das russische Repertoire, mit besonderem Schwerpunkt auf die kammermusikalischen Gattungen, wird andernorts grundsätzlich ebenso gepflegt. So veranstaltet die Sächsische Staatskapelle Dresden seit 2010 in Gohrisch in der «Sächsischen Schweiz» die «Schostakowitsch-Tage». Tatsächlich erinnern beide Festivals in Luzern und Gohrisch an die ausgeprägten Verbindungen ihrer Orte zur russischen Kulturelite. In Gohrisch, zu Zeiten der DDR ein im sowjetischen Machtbereich beliebter Kurort, weilte Dmitri Schostakowitsch mehrmals, um dort zudem sein berühmtes «Achtes Streichquartett» zu komponieren.

Dagegen haben in der Region um den Vierwaldstättersee und in Luzern insbesondere namhafte Komponisten wie Sergej Rachmaninow und Alexander Skrjabin oder der Dichter Lew Tolstoi ihre Spuren hinterlassen. Am Genfersee wiederum weilten Igor Strawinsky oder Peter Tschaikowsky, und auch Sergej Prokofjew schwärmte für die Schweiz. Seit jeher war die Schweiz ein bedeutsamer Rückzugs- oder Zufluchtsort für die russische Kunst- und Kulturelite. Was indessen Zaubersee ganz besonders auszeichnet, ist die konsequente, nachhaltige Pflege von vernachlässigtem oder vergessenem Repertoire aus Russland.

Der Festivalname ist eben Programm, denn: «Der verzauberte See» ist eine vergessene Tondichtung von Anatol Ljadow aus dem Jahr 1909. Beim «Zaubersee» kommen regelmässig Werke zu Gehör oder stehen Komponisten im Zentrum der Betrachtung, die im Musikleben kaum oder gar nicht stattfinden – auch nicht in Russland selber. Genau dies markiert das besondere Profil der Reihe, und das kann zwangsläufig bisweilen politisch ziemlich brisant sein. Das zeigte sich zuletzt im vorigen Jahr.

Noch in bester Erinnerung ist das Gastspiel des Quatuor Danel aus Frankreich, das sogar zwei veritable Uraufführungen im Gepäck hatte: die «Improvisation» und eine «Romanze» für Streichquartett aus dem Jahr 1950 von Mieczysław Weinberg. Als polnischer Jude war Weinberg ein zweifach Verfolgter. Nach dem Angriff von Nazi-Deutschland auf Polen musste Weinberg aus seiner Heimat fliehen, um sich nach Sowjetrussland durchzuschlagen. Dort wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg im Spätstalinismus ein Opfer der judenfeindlichen Politik des sowjetischen Diktators.

Nur der beherzte Einsatz seines Freundes und Förderers Schostakowitsch rettete ihn vor dem Tod – und dies obwohl Schostakowitsch unter Stalin selbst wiederholt am Pranger stand. Unter Stalin wurden zudem seinerzeit kühne Avantgardisten wie Alexander Mossolow oder Wissarion Schebalin massiv attackiert und künstlerisch mundtot gemacht. Auch Werke von ihnen spielte das Quatuor Danel im Zaubersee-Festival 2018, beispielsweise das vielfach clusterreich und geräuschhaft wirkende «Erste Streichquartett» von Mossolow aus dem Jahr 1926.

Selbst ein deutlich traditioneller arbeitender Komponist wie Nikolai Mjaskowski musste im Spätstalinismus wüste Anfeindungen über sich ergehen lassen. Auch Werke von ihm standen beim «Zaubersee» 2018 auf dem Programm. Sie alle werden im heutigen Konzertleben allenfalls punktuell aufgeführt, am wenigsten allerdings im heutigen Russland. Dort nämlich, unter dem Präsidenten Vladimir Putin, wird das grausame Erbe Stalins kaum aufgearbeitet, sondern eher relativiert oder gar verklärt. Seit 2008 ist in Teilen der Russischen Föderation gar ein neuer «Stalin-Kult» zu beobachten – samt neuen, gigantischen Stalin-Denkmälern.

Selbst in Moskau wurden manche Metro-Stationen aus der Stalin-Zeit «historisch rückgeführt» – mit den originalen Lobpreisungen an Stalin in fetten Lettern von einst. Beim letzten «Zaubersee Festival» 2018 waren in Luzern auch Angehörige der Familien von Schebalin und Mjaskowski zugegen. Sichtbar gerührt und bewegt, mit Tränen in den Augen, lauschten sie den bis heute verschmähten Werken ihrer Angehörigen. Wer dies erlebt hat, spürt das furchtbare Unrecht, das diesen Komponisten faktisch bis heute zuteil wird.

Umso verdienstvoller ist eine Veranstaltung wie Zaubersee, weil sie die Erinnerung beharrlich wachhält und mit dieser Haltung ein Umdenken einfordert – durch das Programm selber. Das Luzerner Festival übernimmt gezielt Verantwortung, um Raritäten für das Konzertleben zu erschliessen und das Repertoire weiterzuentwickeln. Und das kommt auch beim Publikum gut an: Im vorigen Jahr konnte die bislang höchste Auslastung von fast neunzig Prozent vermeldet werden. Wer namhafte Klassik-Stars und Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters hautnah erleben möchte, der ist bei diesem Festival bestens aufgehoben – und dies an Orten, die eine ganz besondere Atmosphäre atmen.

So gibt es die Matineen und Lunch-Konzerte in der St. Charles Hall in Meggen. Inmitten einer idyllischen Parkanlage direkt am Ufer des Vierwaldstättersees gelegen, lässt sich aus den prachtvollen Räumlichkeiten der Villa und der weitläufigen Terrasse das spektakuläre See- und Bergpanorama geniessen. Der Zeugheersaal im traditionsreichen Hotel «Schweizerhof» ist hingegen im Jugendstil gestaltet, und die Matthäuskirche steht als ein Beispiel für englische Neu­gotik.

An diesen Orten in Luzern wird, neben dem KKL, auch in diesem Jahr eine konzise Geschichte erzählt. Diesmal dreht sich alles um das Jahr 1919. Der Erste Weltkrieg war zwar vorüber, nicht bewältigt hingegen waren die Verwerfungen und Umwälzungen, die er verursacht hatte – ganz zu schweigen von den abgründigen Risiken, die bald jäh in eine zweite grosse Weltkatastrophe münden sollten. Bei Zaubersee freilich steht die Russische Revolution im Zentrum, als eine direkte Folge des Ersten Weltkriegs. Dazu begibt sich das Festival mit seinem Programm auf die Spur der russischen Diaspora in der Schweiz, um zugleich nach London, Leipzig, Paris und Skandinavien zu blicken.

Einen besonderen Schwerpunkt bilden Werke, die um das Jahr 1919 entstanden sind, sowie zwei Komponisten, die beide 1919 geboren wurden, nämlich: Weinberg und Galina Ustwolskaja. Letztere war eine Schülerin Schostakowitschs, die von ihrem Lehrmeister hochgeschätzt wurde. Überdies hat Ustwolskaja Schostakowitsch ebenso mutig vor wüsten Angriffen verteidigt, wie sie in ihrem Schaffen kompromisslos blieb. Schliesslich ging sie ins innere Exil, um sich auf eine Datscha bei Leningrad zurückzuziehen und für die Schublade zu komponieren.

Erst nach der Wende – in den 1990er-
Jahren – fand Ustwolskayas radikale Musik Gehör, vor allem im Westen. In ihrer Heimat bleibt sie hingegen bis heute ein Fremdkörper. Von Ustwolskaya erklingt das Trio für Klarinette, Violine und Klavier, gekoppelt mit Strawinskys «Piano-Rag-Music» von 1919 sowie das im selben Jahr uraufgeführte Streichquartett von Edward Elgar (23.5.). Letzteres wurde für das legendäre Brodsky Quartet geschrieben, was eine Brücke schlägt zur «Hommage an Adolph Brodsky» (25.5.).

Hier wird wiederum programmatisch ein Weihnachtsdinner nachempfunden, im Hause der Brodskys in Leipzig – mit Johannes Brahms, Tschaikowsky und Edvard Grieg. Während sich Grieg und Tschaikowsky anfreundeten, blieb es zwischen Brahms und Tschaikowsky bei distanziertem Respekt. Eine weitere Hommage ist dem russischen Futuristen Arthur Lourié gewidmet (24.5.). Das «Monument von Leo Ornstein» rückt derweil einen kühnen Expressionisten ins Zentrum (23.5.). Weitere Raritäten erklingen von Samuil Feinberg, einem bedeutenden Vertreter der russisch-jüdischen Klavierschule, und Alexis Weissenberg (22.5.) sowie Alexander Tscherepnin (24.5.).

Ob Marc-André Hamelin, Viktoria Mullova, Steven Isserlis, Olli Mustonen, Lise de la Salle, Stephen Waarts oder die Quartette Pacifica, Castalian und Belenus: Auch beim diesjährigen Festival Zaubersee des Luzerner Sinfonieorchesters – am 25.5. tritt das Orchester mit einem eigenen Programm auf – sind die spannenden (Wieder-)Entdeckungen in musikalisch kompetenten Händen. Dazu gibt es ein schmuckes Programmbuch mit klugen Essays – viel Sinn und Sinnlichkeit eben. Weil bei Zaubersee wirklich alles stimmen soll. ■

 

Informationen und Karten:

Ausgabe: 05 - 2019