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Delia Mayer und Fabian Ziegler bei den Proben

 

«Gross und klein» – das Festivalmotto der Schlossmediale Werdenberg in diesem Frühjahr
Abkehr vom Weltgetümmel
Die Schlossmediale Werdenberg setzt auf intime Zeitlosigkeit. Im Zentrum steht ein literarisch-musikalischer Abend mit der Schauspielerin und Sängerin Delia Mayer.

Carsten Michels

Wenn dieser Tage für Veranstaltungen geworben wird, dann meist mit dem Zusatz «in welcher Form auch immer». Und wenn man mit den Verantwortlichen spricht, endet das Gespräch stets mit dem Mantra «Hoffen wir das Beste». Mirella Weingarten bildet da keine Ausnahme. Die künstlerische Leiterin der Werdenberger Schlossmediale plant, hofft und bangt. Wobei sich ihr Fokus eindeutig aufs Hoffen richtet. 2020 hatte das von ihr kuratierte Festival für alte Musik, neue Musik und audiovisuelle Kunst wegen des ersten Lockdowns sangund klanglos entfallen müssen. Nun nimmt Weingarten im Mai einen neuen Anlauf und zeigt – wie viele andere im schattenhaften Kulturbetrieb – das, was schon im Vorjahr präsentiert werden sollte.

«Gross und klein» lautet das Festivalmotto nach einem Theaterstück von Botho Strauss gleichen Titels aus dem Jahr 1978. Das Stück kreist um erschwerte Kommunikation und das Gefühl zu vereinsamen – Themen, die während der Pandemie noch dringlicher geworden sind, wie Weingarten feststellt. Passagen des Strauss-Textes bilden den Ausgangspunkt des literarischen Abends «Von grossen und kleinen Leuten», für den die Schlossmediale Delia Mayer gewinnen konnte. Weil Mayer nicht nur theaterund filmerfahren ist, sondern überdies eine ungewöhnlich gute Sängerin, wurde aus dem literarischen auch ein musikalisches Projekt.

Bemerkenswert bunte Biografie

Wie bitte, Delia Mayer singt? Dem Fernsehpublikum ist sie vor allem aus der «Tatort»-Krimiserie bekannt. Sieben Jahre löste sie als Kommissarin Liz Ritschard an der Seite von Schauspielerkollege Stefan Gubser die Fälle in und um Luzern. Ihrer Figur der meist kühl und rational ermittelnden Kriminalistin verlieh Mayer eine kräftige Portion Unergründlichkeit, ein emotionales Hintergrundrauschen, wofür sie sich aus der eigenen Biografie bedient haben dürfte. Denn diese ist bunt und überraschend. 1967 in Hongkong geboren, wuchs Mayer im zürcherischen Rüschlikon auf. Sie studierte Tanz, Gesang und Schauspiel in Wien, nahm weiteren Schauspielunterricht in New York und krönte ihre Ausbildung mit dem Studium des klassischen Gesangs am Zürcher Konservatorium. Festlegen konnte und mochte sie sich nicht – weder im Schauspiel zwischen Bühne und Film noch in der Musik zwischen Jazz, Chanson und Klassik. Ihre künstlerische Bandbreite, die Spartengrenzen leichterhand überwand, wurde zu Mayers Markenzeichen. So erhielt sie Engagements bei Musiktheaterproduktionen am Wiener Burgtheater, Rollenverpflichtungen an die Theater von Luzern, Zürich und Basel sowie Angebote für Kinound Fernsehfilme.

«2019 ist genau mein Jahr gewesen, toll und inspirierend», sagt Delia Mayer rückblickend. Damals lief die (schon 2018 abgedrehte) letzte «Tatort»-Folge; zur selben Zeit stand sie im Theater Luzern auf der Bühne, wo sie die Claire Zachanassia in Dürrenmatts Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame» spielte. Den Sommer über war sie mit den Filmarbeiten zum Netflix-Vierteiler «Unorthodox» beschäftigt gewesen. Und davor hatte sie im Frühling im KKL Luzern mit dem dortigen Sinfonieorchester Brecht/Weills «Die sieben Todsünden» aufgeführt. In der halbkonzertanten Fassung sang sie die Partie der Anna, vom Publikum stürmisch gefeiert.

Die Anfrage von Mirella Weingarten für das Literaturkonzert in Werdenberg habe sie gefreut, sagt Mayer. «Ein kleines, feines Projekt, das eigentlich alles verbindet, was ich liebe – literarische Texte von Büchner und Brecht bis Botho Strauss und Sibylle Lewitscharoff, kombiniert mit Liedern von Purcell, Schumann und Mahler bis zu Eisler und Copland.» Anfang 2020 – die «Alte Dame» in Luzern war bereits abgespielt – stand das Programm. Mayer hatte den jungen Perkussionisten Fabian Ziegler mit an Bord geholt, dann kam der erste Lockdown.

Reduktion aufs Wesentliche

Über ein Jahr ist das her. Ein Jahr voller Verschiebungen, Absagen, geplatzter Drehs und Theaterproben, die ins Leere liefen, weil die Spielstätten schliessen mussten. Wie motiviert sich Mayer, das Werdenberger Projekt in der weiterhin unsicheren Situation wieder in Angriff zu nehmen? «Das fällt mir nicht schwer, weil der Inhalt der Lieder und Texte ja für sich spricht», erklärt Mayer. Vieles erhalte durch die speziellen Umstände eine besondere Bedeutung. Mahlers Lied «Ich bin der Welt abhanden gekommen» beispielsweise könne man plötzlich auch ganz anders verstehen. «Die Sehnsucht nach Abkehr vom Weltgetümmel ist uns sehr nahe, weil wir seit einem Jahr fast täglich mit Meldungen zum Infektionsgeschehen bombardiert werden und uns die getroffenen Massnahmen auf Trab halten.» Gleichzeitig sei die Verunsicherung, von der die Gesellschaft ergriffen sei, ein Schlüssel zum Verständnis der zeitlosen Texte und Lieder. «Wir wissen alle gerade nicht so genau, wo wir eigentlich stehen», sagt Mayer, «und das erlaube ich mir, als Künstlerin in die Performance miteinfliessen zu lassen.»

Die Reduktion auf das Minimale – sie und Musiker Ziegler vor Weingartens Bühnenbild – sieht Mayer auch als Statement. «Dieser zweisame Abend ist das, was im Moment möglich ist. Kleiner geht es nicht, und doch kann etwas Grosses daraus werden.» Sie sei auf die Arrangements gespannt, die Ziegler eigens für das Marimbaphon geschrieben habe. Der warme, hölzerne Ton des Instruments werde zur Intimität des Auftritts wesentlich beitragen.

Bis zur Premiere am 26. Mai bleibt noch etwas Zeit. Dass sie im Rahmen der Schlossmediale stattfinden wird, davon sind sowohl Delia Mayer als auch Festivalkuratorin Weingarten überzeugt. An dieser Stelle fällt der berüchtigte Halbsatz: «in welcher Form auch immer». Bis zum nächsten bundesrätlichen Entscheid bezüglich Kulturveranstaltungen rechnen beide damit, dass in Werdenberg Zuschauerinnen und Zuschauer vor Ort dabei sein werden, vermutlich in limitierter Zahl. Geplant sind zwei Vorstellungen am selben Abend. Falls jedoch Ende Mai noch immer kein Publikum zugelassen sei, werde man wohl auf den Livestream ausweichen, sagt Weingarten. Und fügt hinzu: «Hoffen wir einfach das Beste.»

Literaturkonzert «Von grossen und kleinen Leuten»: Mittwoch, 26. Mai, 18.30 und 21 Uhr, Schloss Werdenberg (SG).

Ganzes Programm, Informationen und Karten: www.schlossmediale.ch

 

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Ausgabe: 05 - 2021